Koloniale Kontinuitäten im Fairen Handel überwinden

Autorin
Silke Bölts
Referentin für Klimapolitik und Fairen Handel

Unsere heutige Welt ist immer noch von Stereotypen aus der Kolonialzeit geprägt, die auch in die Fair-Handels-Bewegung hineinwirken. Eine aktive Dekolonialisierung ist daher notwendig. Zuerst muss dafür verstanden werden, was während der Kolonialzeit geschehen ist und wie daraus entstandene Strukturen bis heute weiter bestehen.

Dieser Beitrag basiert auf den Inhalten des zweiteiligen Workshops “Koloniale Kontinuitäten im Fairen Handel überwinden” und der damit verbundenen Arbeit und Recherche von Manpreet Kaur Kalra im Sommer 2023. 

Manpreet Kaur Kalra (sie/ihr) ist Beraterin für soziale Auswirkungen und Gerechtigkeit, Antirassismuspädagogin, Autorin und Forscherin, die sich für die Entkolonialisierung des Geschichtenerzählens und der globalen Handelsstrukturen einsetzt. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Verflechtung von wirtschaftlicher und sozialer Klimagerechtigkeit in Initiativen für nachhaltige Entwicklung.

Hinweise zur Schreibweise im Artikel: “Wir” bezieht sich auf die Fair-Handels-Szene bzw. die Leser*innenschaft. “Schwarz” wird hier groß geschrieben, um Selbstermächtigung zu betonen. “weiß” wird hier im Gegensatz dazu kursiv und klein geschrieben, um es davon abzugrenzen. Beides sind politische und soziale Konstruktionen. (angelehnt an Schreibweisen in BER 2021)

Dekolonialisierung ist der aktive Prozess der Identifizierung und Beseitigung ungleicher Machtstrukturen in Systemen, Politiken und Einstellungen.

Manpreet Kaur Kalra

Um unsere Denkmuster postkolonial zu gestalten, müssen wir zunächst Folgendes anerkennen:

  • Europäische Länder haben andere Völker durch Kolonialisierung gewaltvoll unterdrückt und ausgeraubt. Auch Deutschland ist davon nicht ausgenommen. 
  • Die Abwertung und Erniedrigung von anderen Menschen war und ist nur durch rassistische Konstruktionen möglich. 
  • Die aus der Kolonialisierung transgenerationalen Traumata bestehen bis heute fort. Gesellschaftlich und politisch fand immer noch kein Schuldeingeständnis, keine Entschuldigung und keine umfassende Aufarbeitung statt. 
  • Koloniale und rassistische Muster dauern an: Ausbeutung und Unterdrückung sind heute manchmal unsichtbarer und subtiler, oft aber auch offen ausgesprochen und in offiziellen Strukturen verankert. 
  • Viele (neo-)koloniale und rassistische Muster sind in unserem Denken immer noch (unbewusst) internalisiert, drücken sich in unserer (gesellschaftlichen) Sprache aus und werden in unseren Handlungen reproduziert. 

Auseinandersetzung mit Rassismen im Fairen Handel ist keine Sache der Freiwilligkeit

Auch im Fairen Handel ist die Kommunikation noch oft nicht gänzlich von neokolonialen Mustern befreit. Es wird bereits aktiv versucht, dies grundlegend zu ändern. Wir sind mit der Zeit sensibler geworden und machen heute bereits vieles besser als in der Vergangenheit. Gleichzeitig haben wir noch einen weiten Weg vor uns, auch wenn dies manchmal schwer ist, anzuerkennen. 

Ein erster Schritt ist es daher, dass wir uns in der Fair-Handels-Bewegung dem Fortwirken von rassistischen und neokolonialen Strukturen bewusst werden und unsere Haltung ändern. Dies kann vor allem bei unbewussten Annahmen, Generalisierungen und gelernten Bildern herausfordernd sein. Unsere neue Haltung muss sich in unserer Kommunikation widerspiegeln. Dazu gehört auch Bild- und Textsprache in der (Außen-)Kommunikation unserer Organisationen. Dabei geht es nicht um die Schuldfrage. Denn wir sind in einer Gesellschaft sozialisiert, die es uns nicht leicht macht, rassistische Muster abzulegen. Tagtäglich begegnen wir ihnen immer noch in öffentlichen Medien und in der Werbung, aber auch in Redewendungen und gesellschaftlichen Strukturen. Oft fehlt es auch an Vorbildern, wie man Kommunikation verbessern könnte. Wir werden auch weiterhin Fehler machen und daraus lernen müssen. Und wir sollten uns im Lernprozess gegenseitig unterstützen und austauschen. 

Gleichzeitig ist es keine Frage der Freiwilligkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, vielmehr ist es unsere Pflicht für ein gleichberechtigtes Miteinander, uns rassistischer und neokolonialer Muster bewusst zu werden und aktiv gegen sie anzuarbeiten. Denn die Aufarbeitung ist kein Entgegenkommen gegenüber den Betroffenen, sondern unsere Verantwortung, aus der Vergangenheit zu lernen und es besser zu machen. 

Tipps für eine bessere Bild- und Textsprache
  • Konsument*innen des Fairen Handels sind vielfältig und nicht nur weiß. Und das müssen auch die Bilder zeigen. 
  • Überall auf der Welt sind Menschen politisch aktiv. Wir sollten nicht nur (weiße) Menschen aus dem Globalen Norden auf Demonstrationen etc. zeigen, sondern auch Menschen aus dem Globalen Süden, z. B. aus dem Umfeld der Kooperativen 
  • Kooperativen mit ihren unterschiedlichen Tätigkeiten zeigen: Bei der Produktion gibt es nicht nur landwirtschaftliche (Ernte-)Tätigkeiten, sondern auch Mitarbeitende in den Büros, es werden Fortbildungen durchgeführt, Technik eingesetzt: Auch das muss gezeigt werden.

Die Geschichte des Fairen Handels ist untrennbar mit dem Kolonialismus verbunden.

Manpreet Kaur Kalra

Der Faire Handel in alten Welthandelsstrukturen

Die ersten und bis heute wichtigsten Produkte im Fairen Handel sind ehemalige Kolonialwaren wie Baumwolle, Kakao und Kaffee. Diese Rohstoffe sind historisch eng mit Sklavenarbeit und -handel verbunden. 

Manpreet Kalra: “Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Menschen sich der Ungerechtigkeit im Handelssystem mit den Kolonialwaren bewusst, wollten aber weiterhin diese Güter nutzen.” Um sich aus diesem moralischen Dilemma zu befreien, wurde der Faire Handel ins Leben gerufen, sagt sie. 

Der Faire Handel ist vor 50 Jahren mit dem Anspruch angetreten, die ungerechten Welthandelsstrukturen zu reformieren. Dieses Ziel besteht weiterhin, doch noch sind wir nicht am Ziel. 

Der Faire Handel ist von unfairen Handelsweisen und ungleichen Machtstrukturen im Welthandel abhängig, denn sonst wäre er obsolet. Unser langfristiges Ziel muss also weiterhin sein, dass der Faire Handel zur Norm wird und konventionelle, ungerechte Praktiken ablöst.

Manpreet Kaur Kalra

Ehemals kolonialisierte Länder werden weiterhin an ihrem wirtschaftlichen Aufschwung gehindert, da unfaire koloniale Muster fortbestehen. Diese Länder haben auch oft weniger politische Verhandlungsmacht und können sich manchmal aufgrund fehlender personeller oder finanzieller Kapazitäten schwerer ausreichend intensiv in multilaterale politische Abstimmungsprozesse einbringen.

Beispiele für Welthandelsstrukturen, die ehemals kolonialisierte Länder benachteiligen, sind:
  • Einfuhrzölle für den europäischen Markt auf Kaffeeprodukte wie gerösteten Kaffee (im Gegensatz zum Rohkaffee). 
    ⇒ So ist es finanziell für deutsche Firmen attraktiver, ungerösteten Kaffee zu importieren. 
    ⇒ Die Wertschöpfung durch das Rösten, Verarbeiten und Verpacken findet somit oftmals nicht im Anbaugebiet statt. So werden vor allem Rohstoffe exportiert (ungerösteter Kaffee) und verarbeitete Produkte importiert (wie z.B. lösliches Kaffeepulver). 
    ⇒ Dies kann zu einer negativen Handelsbilanz im Exportland beitragen (da das Kaffeepulver teurer ist als der Rohkaffee), was die Währung des Anbaulandes abwerten kann und zu höheren Kreditzinsen führt, da das Land eine schlechtere Kreditwürdigkeit erhält (Rating). 
  • Europäische Subventionen auf Agrar-Exportprodukte, wie z.B. Hühnerfleisch oder Milchpulver, welche Märkte außerhalb der EU zerstören 
  • Europäischer Export von Elektroschrott oder Plastikmüll, welcher in den importierenden Ländern nicht immer recycelt werden kann und dort auf Müllkippen verbleibt.

Ein Beispiel für nach wie vor bestehende koloniale Muster ist auch die Bezeichnung von Ländergruppen. Von den Begriffen “dritte Welt” oder “Entwicklungsland” hat sich die Fair-Handels-Welt (hoffentlich!) bereits längst verabschiedet. Stattdessen werden die Begriffe (der sogenannte) “Globale(r) Süden” bzw. (der sogenannte) “Globale(r) Norden” verwendet. Das Konzept teilt die Welt nach der “Brandt-Linie” in zwei Hälften ein (eine reichere und eine ärmere) und ist ein politisches Konzept. Es geht dabei nicht darum, ob ein Land tatsächlich auf der nördlichen oder südlichen Hemisphäre liegt (siehe Australien und Neuseeland)

Einige Menschen kritisieren dieses Konzept. Stattdessen sollte man direkt von den Ländern sprechen, die man meint (bspw. “Ghana, Togo und Benin” oder “Südostasien”). 

Manpreet schlägt einen Narrativwechsel vor: Sie plädiert dafür, dass anstelle von "Globaler Süden" der Begriff "ehemals kolonisierte Länder" angemessener ist. Sie erklärt auch: Statt von “Entwicklung” zu sprechen, ist “sich von der Ausbeutung erholend” passender. Das Wort “Entwicklung” suggeriert, dass der Globale Norden entwickelt sei und sich andere Länder an diese vermeintliche Norm anpassen müssten. Stattdessen hat der Globale Norden einerseits auch noch viel zu lernen (und zu verlernen!) und andererseits leidet der Globale Süden immer noch unter den Folgen der Ausbeutung während der Kolonialzeit und deren Kontinuitäten (siehe Beispiele oben in der Infobox).

Eine andere in der Klimabewegung gebräuchliche Bezeichnung von marginalisierten Menschen ist der Begriff “MAPA”, welcher für “most affected people and areas”, zu Deutsch “die am meisten betroffenen Menschen und Gebiete” steht (mehr Erklärung zum Ursprung des Begriffs hier). MAPAs sind in der Regel stark von der Klimakrise betroffen, haben aber wenig zu ihr beigetragen. Dazu gehören oft Menschen im sogenannten Globalen Süden bzw. in den ehemals kolonisierten Ländern, aber auch marginalisierte Gruppen im Globalen Norden bzw. in den ehemals kolonisierenden Ländern, die besonders von der Klimakrise betroffen sind. Oft wird in diesem Kontext erwähnt, dass es MAPA-Stimmen sind, die sichtbarer werden müssen. Denn viel zu häufig bekommen weiße Menschen aus dem Globalen Norden die meiste Aufmerksamkeit, wenn es um Klimaschutz geht, anstelle von den Menschen, die am stärksten betroffen sind. 

Wie äußert sich Macht im Fair-Handels-System?

Für jede*n, und nicht nur im Fairen Handel, ist es wichtig, die eigene Rolle und die eigenen Privilegien zu reflektieren, sich ihnen bewusst zu werden und dies anzuerkennen. Dadurch kann erst mit den mit Privilegien einhergehenden Machtasymmetrien umgegangen werden.

Beispiele für Privilegien sind eine (gute) Schulbildung, eine finanziell sichere Situation, Freizügigkeit und Reisefreiheit oder nicht ständig nach der eigenen Herkunft oder Lebensgeschichte gefragt zu werden.

Privilegien kann man nicht ablegen. Und ungleiche Machtstrukturen im Fairen Handel lassen sich auch nicht über Nacht verändern. Aber Privilegien benennen und sie zu nutzen, um Ungerechtigkeiten zu beenden, ist ein Anfang.

Was ist "whiteness" (weißsein)?

Manpreet hat in ihrem Workshop “weißsein” folgendermaßen beschrieben: “weiße” Gewohnheiten, Kultur und Glaubenssätze werden historisch als Standard angesehen. Diese Normalisierung manifestiert sich beispielsweise folgendermaßen: 

  • in der Sprache der weißen “Retter*innen” (auch “white Saviourism” genannt) 
  • in der westlichen Vorstellungen von Entwicklung (siehe Text oben: Globaler Norden - Globaler Süden)

Organisationen mit weißen (männlichen) Führungspersonen werden immer noch als glaubwürdiger angesehen und erhalten daher z.B. auch mehr Spendengelder

Weiße Vorherrschaft wurde genutzt, um den Kolonialismus zu rechtfertigen.

Manpreet Kaur Kalra

Und jetzt?

Natürlich erfordert die korrekte Verwendung von Text und Bildern Zeit, Geduld und Mühe. Bei engen personellen Kapazitäten, kurzen Fristen oder zähen Abstimmungen kann es oft schwierig sein, alle Anforderungen zu erfüllen. Manchmal ist es bei aller Mühe leider auch nicht möglich. Wir lernen gemeinsam und streben das Ziel einer respektvollen und angemessenen Kommunikation an. Bis wir das erreicht haben, wird es noch Zeit brauchen.

Es geht nicht darum, sofort das ganze ungerechte Welthandelssystem mit den immer noch inhärenten kolonialen Mustern abzuschaffen. Aber es ist wichtig, einen Anfang zu machen und sich dieser großen Aufgaben Schritt für Schritt anzunehmen. Zuerst fangen wir bei uns an, brechen unsere eigenen Denkmuster auf und teilen unsere Fragen und Anregungen mit anderen. Dann fangen wir an, in unseren eigenen Organisationen alte Strukturen zu hinterfragen und neue, zeitgemäße Gewohnheiten zu etablieren. Gemeinsam geht es besser. 

Als Fair-Handels-Bewegung bleiben wir dran. Wir entwickeln Programme, um das Thema weiter zu bearbeiten. Gemeinsam schreiten wir lernend voran. 

Weiterführende Literatur

Materialien aus der Weltladen-Akademie: 

Podcasts zum Thema:

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