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Von der Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation

Foto: Christoph Albuschkat
Reinhard Loske

Von Reinhard Loske

Die Idee des rechten Maßes in der Geschichte

Man kann, will man sich mit der Ideengeschichte des "rechten Maßes" befassen, in der Zeit sehr weit zurückgehen. Ich will bei den Griechen beginnen und ein kleines Zitat einbringen. An einem der bei- den großen Torbögen der Tempelanlage von Del- phi, dem berühmten Orakel, stand geschrieben: "Nichts im Übermaß." Die Idee des rechten Maßes spielte neben der Idee der Selbsterkenntnis dort eine wesentliche Rolle. Die Idee des rechten Maßes, dass es also so etwas wie ein Zuwenig, aber auch ein Zuviel gibt, ist eine alte Idee, die zutiefst in der griechischen Philosophie wurzelt. Wir können aber auch 500 Jahre nach vorne springen und im Alten Testament nachschauen, in den Weisheitsbüchern und den Psalmen. Dort finden wir im Buch der Sprichwörter den Wunsch: "HERR, gib uns weder Armut noch Reichtum." Also wieder die Idee der Balance. Im 1. Buch Moses heißt es: "Ihr sollt die Erde bebauen und bewahren." Da kommt der Gedanke zum Tragen, der uns gleich bei der nachhaltigen Entwicklung wieder begegnen wird, dass wir durch unsere Existenz, durch die Tatsache, dass wir in die Welt gekommen sind, durchaus das Recht haben, sie zu nutzen, sie zu bebauen, aber auch die Pflicht haben, sie zu bewahren.

Wenn wir uns von den christlichen Denkern wegbewegen, hin zu den großen Philosophen der letzten 250 Jahre, dann finden wir bei liberalen Philosophen, wie bei John Stuart  Mill, die Idee der stationären Wirtschaft.

Wenn die Erde jenen großen Bestandteil ihrer Lieblichkeit verlieren müsste, den sie jetzt Dingen verdankt, welche die unbegrenzte Vermehrung des Vermögens und der Bevölkerung ihr entziehen würde, so hoffte ich von ganzem Herzen im Interesse der Nachwelt, dass man schon viel früher, als die Notwendigkeit dazu treibt, mit einem stationären Zustande (der Wirtschaft) sich zufriedengeben wird.

John Stuart Mill (1806-1873), Ökonom und liberaler Denker, der den Gedanken einer "Steady State Economy" formuliert

Ich mag den Begriff Steady State Economy eigentlich nicht, man könnte besser von der gut ausbalancierten Wirtschaft sprechen. Dort finden wir durchaus tragende Gedanken, dass wir im Interesse der Nachwelt und der Erde so wirtschaften sollen, dass wir – ich sag es mal ganz umgangssprachlich – Wachstumsorientierung nicht übertreiben, sondern eine gute Balance zu finden versuchen. Der geschätzte Karl Marx, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, hat einen ähnlichen Gedanken formuliert: Dass die ganze Gesellschaft, eine Nation, letztlich alle Gesellschaften gleichzeitig, nicht die Eigentümer dieser Erde sind, sondern nur ihre Nutznießer. Und sie haben diese Erde als boni patres familias der Nachwelt verbessert zu hinterlassen.

Die ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammen genommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.

Karl Marx (1818-1883), in: MEW Bd. 25, S. 784

Der letzte, den ich hier zitieren möchte, ist John Maynard Keynes, einer der ganz Großen der Ökonomie des 20. Jahrhunderts. Auch bei ihm finden Sie in einem Buch, das 1933 erschienen ist, den Gedanken des rechten Maßes. Das Buch heißt On National Self- Sufficiency. Es geht darin um Selbst-Zufriedenheit, Genügsamkeit, um das rechte Maß. Da kommt auch ein Gedanke vor, der für die Fair-Handels- oder Handels-Problematik ganz allgemein von Bedeutung ist. Keynes sagt: "Ich bin nicht überzeugt, dass die wirtschaftlichen Erfolge der internationalen Arbeitsteilung heute noch irgendwie mit den früheren vergleichbar sind." Bei Keynes kommt also die Idee vor, dass es auch beim Handel, beim Austausch von Gütern und Leistungen so etwas gibt wie ein rechtes Maß – eine Diskussion, die wir heute auch erleben können.

Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen – das sind Dinge, die ihrer Natur nach international sein sollten, aber lasst Güter in der Heimat herstellen, wenn immer es sinnvoll und praktisch möglich ist, … Ich bin nicht überzeugt, dass die wirtschaftlichen Erfolge der internationalen Arbeitsteilung heute noch irgendwie mit den früheren vergleichbar sind.

John Maynard Keynes (1863-1964): Über nationale Selbstgenügsamkeit (self-sufficiency), 1933

Die Einschätzung, dass es beim Wirtschaften immer auch um das rechte Maß und um ein Genug geht, dass es eine Balance von Zuviel und Zuwenig gibt, um Zukunftsverantwortung, Grenzen der Naturnutzung und auch um Grenzen der Arbeitsteilung, das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Das ausgewogene Verhältnis von Bebauen und Bewahren war auch in den Wirtschaftswissenschaften bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein ein weit verbreiteter Gedanke, ich möchte sagen common sense. Erst danach ist dieser Ansatz den Wirtschaftswissenschaften abhanden gekommen und durch das Wachstumsparadigma ersetzt worden. Wenn man sich die Wirtschaftslehrstühle heute anschaut, kann man sagen, dass die Infragestellung von Wirtschafts- und Produktivitätswachstum den meisten Ökonomen als Sakrileg gilt. Ich will diesen religiösen Begriff hier durchaus verwenden, weil das Wachstumsmantra in der Tat eine Art ideologisches Fundament der neoklassischen Ökonomie ist.

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung

1972 erschien der Bericht an den Club of Rome: Die Grenzen des Wachstums. Die Studien zur nachhaltigen Entwicklung basieren alle auf einer großen Weltformel, der sogenannten Impact-Formel.

Die IPAT-Formel (I = P x A x T)

I = Impact (Umwelteffekte)
P = Population (Anzahl der Menschen)
A = Affluence (Lebensstile und soziale Praxis)
T = Technology (Technologie)

Grundsätzliche Ansatzpunkte für die Beeinflussung von menschgemachten Umwelteffekten

Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt, der Impact, wird durch drei Faktoren bestimmt: Erstens durch die Anzahl der Menschen, die Population. Als ich 1959 geboren wurde, waren wir 3 Milliarden, heute sind wir 7,5 Milliarden. Wenn ich gehe, wer weiß wann das ist, sind wir vielleicht 10 Milliarden. Das ist also eine sehr relevante Bestimmungsgröße. Zweitens spielen die Lebensstile und die soziale Praxis − wie wir leben, wie wir arbeiten, wie wir konsumieren, wie wir uns fortbewegen, wie wir wohnen, all diese Dinge − eine Rolle und drittens die Technologie. Entsprechend sind das natürlich auch die drei großen Punkte für die Beeinflussung der von Menschen gemachten Umwelteffekte.

Der erste Punkt, das Bevölkerungsthema, wurde lange Zeit sehr reduktionistisch behandelt: Wir müssen nur genug Anti-Baby-Pillen und Kondome verteilen, dann kriegen wir das schon in den Griff. Heute wissen wir, dass es vor allem darum geht, die Rolle der Frauen zu stärken und ihre Selbstbestimmung zu fördern, damit sie autonom oder relativ autonom darüber bestimmen können, wie viele Kinder sie haben möchten. Das ist sozusagen der Schlüssel zur Bevölkerungsstabilisierung, die wir vielleicht in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts erreichen.

Das zweite Thema ist Affluence – das ist nicht so leicht ins Deutsche zu übersetzen. The Affluent Society heißt ein Buch von John Kenneth Galbraith. Es geht um Lebensstile und um soziale Praxis, den way of life. Das ist eine heiße Kartoffel, die in den Industrieländern häufig nicht gerne angefasst wird. Als der Präsident Bush Senior 1992 zur Welt-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro fuhr, sagte er: Wir können in Rio de Janeiro über alles reden, nur nicht über den american way of life. Dieses Thema Affluence ist tabuisiert, wird sehr schnell in die Ecke geschoben. Es heißt dann: Das sind Verzichtsapostel, Miesmacher, Technikfeinde, Leute, die uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben − a really hot potato.

Das dritte ist die Technologie, die Frage, wie wir Energie erzeugen, wie wir Produkte herstellen, wie wir Dienstleistungen erzeugen und anderes mehr. Während in den 1970er Jahren noch die volle Breite der Themen behandelt wurde, haben wir derzeit eine extreme Reduktion auf Technologie. Technology is the answer, but what was the question? Technologie ist die Antwort, aber was war nochmal die Frage? Diese Fixierung auf Technologie springt definitiv zu kurz. Natürlich brauchen wir Effizienztechniken, erneuerbare Energien, Technologien der Kreislaufwirtschaft. Aber vor allem brauchen wir konviviale Technologien, also Technologien, die sozial und ökologisch eingebettet sind. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Dieses Reden über Green Technologies, Green Markets, Green Growth springt definitiv zu kurz und vor allem ist es auch empirisch äußerst fragwürdig. Wir wissen über die sogenannten ReboundEffekte, dass uns die technischen Effizienzgewinne durch Wachstum wieder aufgefressen werden. Wir haben sparsamere Autos, aber immer mehr Autos. Wir haben sparsamere Elektrogeräte, aber immer mehr elektrische Anwendungen. Wir haben immer weniger Energiebedarf pro Quadratmeter Wohnfläche, aber immer mehr Wohnfläche pro Kopf. In toto bedeutet eine reduktionistische Technologiestrategie, dass wir definitiv nicht das erreichen, was wir erreichen müssen.

Wir leben in verschiedenen Bereichen schon im roten Bereich, in anderen Bereichen bewegen wir uns auf die rote Zone zu. Vor allen Dingen in zwei Bereichen leben wir jenseits der Grenzen des Wachstums. Das ist zum einen der Klimawandel. Wir müssen in den Industrieländern beim Ausstoß klimaverändernder Emissionen bis spätestens 2040 auf Null kommen, und im Weltmaßstab müssen wir das in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts erreichen. Aber auch bei der biologischen Vielfalt sind wir im roten Bereich. Wir wissen nicht genau, wo wir sind, aber wir sind da klar im Overshoot. Wir leben schon heute jenseits der Grenzen des Wachstums in vielen Bereichen. Wir müssen zurückkehren in die grüne Zone und wir haben es da mit einer starken Nutzungsasymmetrie zu tun, vor allem wenn man historisch schaut. Die Industrieländer haben den Löwenanteil dieser globalen Gemeinschaftsgüter übernutzt und müssen deshalb jetzt besonders viel tun.

Die Geschichte der internationalen Nachhaltigkeitspolitik

Es macht Sinn, sich die letzten knapp 50 Jahre hier nochmal vor Augen zu führen. Das Jahr 1972 war nicht nur wegen des Berichtes vom Club of Rome wichtig, der eine weltweite Diskussion über die Frage des Wirtschaftswachstums ausgelöst hat, sondern in demselben Jahr wurde auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gegründet und in Stockholm fand die erste große UN-Umweltkonferenz statt, damals hieß sie noch die United Nations Conference on the Human Environment. Da stand das Thema Umwelt noch im Mittelpunkt und die indische Ministerpräsidentin, Indira Gandhi, hat damals die Gruppe der 77 angeführt und gesagt: "Natürlich ist das Ökologie-Thema ein wichtiges, aber dass ausgerechnet die Industrieländer, die weit über ihre Verhältnisse leben, uns erzählen wollen, ihr dürft so nicht leben, das ist Neokolonialismus im grünen Gewande." Das wurde scharf zurückgewiesen.

Dann haben wir einen Zeitsprung. 1987 wurde der Brundtland-Bericht vorgelegt. Da wurde erstmals der Gedanke Umwelt und Entwicklung systematisch kombiniert, zwar häufig in Form fauler politischer Kompromisse, aber es wurde versucht, das zusammenzudenken. Den Höhepunkt bildete 1992, also 20 Jahre nach Stockholm, die United Nations Conference on Environment and Development. Da war schon die Erweiterung des Horizontes sichtbar und es wurden nicht nur allgemeine Willensbekundungen verabschiedet, wie die Agenda 21, sondern auch konkrete völkerrechtliche Dokumente: die Klimarahmenkonvention, die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt, die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenausbreitung. Insofern war diese Konferenz eine Mischung aus allgemeinen Willensbekundungen und konkreten völkerrechtlichen Vereinbarungen. Bei der Klimarahmenkonvention, die dort zur Zeichnung auslag, heißt es in Artikel 2 – und das ist sehr weitgehend: "Von Menschen gemachte Eingriffe in das Klimasystem sollen verhindert werden." Es ist dann nicht so implementiert worden. Seit 1992 sind die CO2-Emissionen um über 70 % gestiegen. Aber die Willensbekundung war da.

Die Platzierung des Nachhaltigkeitsthemas auf der internationalen Tagesordnung

  • UN-Konferenz über die menschliche Umwelt 1972
  • UNEP 1972
  • Grenzen des Wachstums 1972
  • Unsere Gemeinsame Zukunft 1987
  • UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992
  • UN-Konferenz über nachhaltige Entwicklung 2012

Nochmal 20 Jahre später, im Jahr 2012, fand in Rio de Janeiro die Konferenz Rio+20 statt und die hieß dann schon United Nations Conference on Sustainable Development. Also: 1972 – Umwelt, 1992 – Umwelt und Entwicklung, 2012 – nachhaltige Entwicklung. Daran sieht man eine gewisse Verschiebung der Diskursachse, die auch deutlich wird, wenn man die Millenium Development Goals vergleicht mit den Sustainable Development Goals. Bei den Millenium Development Goals von 2000 ging es um den Zugang zu Nahrung, zu Wasser, zu Hygiene. Sie waren gedacht als paternalistische Nord-Süd- Attitüde. Die Entwicklungsländer müssen im Prinzip so werden wie wir – so war die Grundidee der Millenium Development Goals. Und dabei müssen wir ihnen helfen. Die Sustainable Development Goals von 2015 richten ihren Impuls an beide, Industriewie Entwicklungsländer. Auch Deutschland ist ein Entwicklungsland, auch die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Entwicklungsland. Die Grundperspektive war, dass der Veränderungsimpuls sich an beide richtet, an die Entwicklungsländer, aber auch an die Industrieländer. Das ist ein Gedanke, der uns heute vielleicht trivial vorkommt. Aber er war insofern revolutionär als dass er auch von den Entwicklungsländern anerkannt werden konnte, weil es nun nicht nur darum ging, dass sie sich verändern oder im Zweifelsfall bestimmte Dinge nicht tun, sondern auch wir – ein ganz zentraler Gedanke.

Die Brundtland-Definition muss ich nicht erklären: Nachhaltige Entwicklung heißt, die Interessen der heutigen Generationen zu befriedigen, ohne den zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu nehmen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Schon 2012 auf der Rio+20-Konferenz wurde versucht, das Ganze ökonomistisch umzudeuten. Da war schon wieder die Rede von grünem Wachstum: Wir betonen, dass eine grüne Ökonomie dazu beitragen sollte, die Armut auszurotten, aber gleichzeitig nachhaltiges Wirtschaftswachstum sicherstellen soll. Eine Agenda, die soziale Inklusion und die menschliche Wohlfahrt verbessern soll, die Möglichkeiten für Beschäftigung für jeden Mann und jede Frau schaffen soll, während gleichzeitig die ökologischen Grundfunktionen des Ökosystems Erde bewahrt werden sollen. Eigentlich möchte man sagen: Amen. Das klingt so ein bisschen wie die eierlegende Wollmilchsau, wo alles harmonistisch aufgelöst wird und die harten Konflikte gar nicht mehr benannt werden.

Die Große Transformation

Bis in die 1930er, man könnte vielleicht sogar sagen bis in die 1940er Jahre hinein war es noch Usus, dass Nachhaltigkeit, was man damals noch nicht so nannte, zur Ökonomie dazugehört. Erst danach begann eine Entbettung der Ökonomie aus der Gesellschaft und aus den Naturzusammenhängen. Das hat niemand so präzise beschrieben wie Karl Polanyi 1944 in dem Buch Die große Transformation. Darin zeigt er: Die Ökonomie zieht sich aus den gesellschaftlichen Bezügen heraus, geht in den Selbstlauf über und bestimmt alles. Das ist die Grundidee des Neoliberalismus, dass es ein Primat der Ökonomie gibt. Wenn jeder für sich selber sorgt, ist für alle gesorgt. Dieses große Buch erfährt seit einigen Jahren eine gewisse Renaissance. Mit dem Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltfragen 2011 wurde genau hier angeknüpft. Im Prinzip geht es um die Wiedereinbettung der Ökonomie als Teilsystem der Gesellschaft in die natürlichen Zusammenhänge.

Wenn man ganz groß rangeht, könnte man sagen, wir stehen vor der dritten großen Transformation. Vor 10.000 Jahren sind wir im Zuge der neolithischen Revolution von Jägern und Sammlern sukzessive zu Ackerbauern und Viehzüchtern geworden − nicht alle und nicht in allen Teilen der Welt, aber doch prinzipiell. Vor 200 Jahren sind wir, je nach Weltregion, dazu übergegangen, die fossilen Ressourcen zu nutzen. Kohle, Öl und Gas traten Schritt für Schritt an die Stelle von Windkraft, Wasserkraft, Sonnenkraft und Pflanzenkraft. Wir haben gelernt, dass man nicht nur vom Einkommen der Natur leben, sondern auch vom Kapital der Natur zehren kann. Das war die zweite Transformation. Die dritte große Transformation, vor der wir jetzt stehen, ist die Herausforderung, von einer fossilen zu einer solaren Wirtschaft überzugehen, dass wir wegkommen vom Primat der Ökonomie und hin zur Wiedereinbettung der Ökonomie in Gesellschaft und Natur – möglichst bei Wahrung unserer zivilisatorischen Standards. Das ist eine wichtige Randbedingung, die nicht trivial ist und natürlich auch Gegenstand von Kontroversen.

Die Ideenwelt nachhaltigen Wirtschaftens

Ich beschreibe nachfolgend drei Typen von Wirtschaft, die allerdings Schnittmengen bilden und keineswegs scharf voneinander abgegrenzt sind. Die erste Form der Ökonomie wird gemeinhin als grüne Ökonomie beschrieben: Green Economy. Da geht es sehr stark um Efficiency, um die Solar Economy, um die Substitution fossiler Ressourcen, wie Kohle, Öl, Gas, aber auch Uran durch erneuerbare Ressourcen, wie Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Erdwärme. Dabei sind die Effizienz und die Substitution miteinander verbunden, das heißt, es ist notwendig, den absoluten Verbrauch deutlich zu reduzieren. Dann kann der Anteil der erneuerbaren Quellen so erhöht werden, dass er tendenziell bei 100 Prozent landet. Das wäre bei uns, wenn es gut läuft, 2040 oder sogar schon 2035 bei der Stromerzeugung der Fall. Darüber hinaus geht es um die Kreislaufwirtschaft, die Circular Economy und die Ökonomie der Konsistenz. Es geht darum, unsere menschlich induzierten Stoffströme in die natürlichen Stoffströme zu integrieren.

Nachhaltiges Wirtschaften: Eine Typologie

Typ 1: "Grüne Ökonomie"

  • Ökonomie der Effizienz (Efficient Economy)
  • Ökonomie der Substitution (Solar Economy)
  • Kreislaufwirtschaft (Circular Economy)
  • Ökonomie der Konsistenz („Industrial Ecology“ und „Cradle to cradle“)

Typ 2: "Postwachstumsökonomie"

  • Ökonomie der Suffizienz (Economics of Sufficiency)
  • Ökonomie der Subsistenz (Subsistence Economy)

Typ 3: „Kooperative Ökonomie”

  • Ökonomie des Teilens (Sharing Economy)
  • Fairer Handel (Fair Trade)
  • Ökonomie der Langlebigkeit (Repair Economy)
  • Ökonomie des Prosumierens (Prosume Economy)
  • Ökonomie der Subsidiarität (Regional Economy)
  • Ökonomie der Resilienz (Resilient Economy)
  • Ökonomie der Gemeinschaftsgüter (Ecommony)

Der Typ 1, die grüne Ökonomie, ist extrem stark technologiedominiert. Da geht es um erneuerbare Energien, um bestimmte Erzeugungstechnologien, um Energieeffizienz, Ressourceneffizienz. Da geht es um politische Instrumente, wie die ökologische Steuerreform und anderes mehr. Ich würde fast sagen, wir sind auf dem Weg dahin, dass das der neue ökonomische Mainstream in den Industrieländern wird. Da gibt es Widerstände von den alten, den traditionellen Industrien, aber tendenziell geht das in diese Richtung. Allerdings ist es eine Illusion zu glauben, wir könnten die notwendigen ökologischen Ziele allein durch neue Technologien erreichen. Das gelingt nur, wenn sie in eine Ökonomie des rechten Maßes eingebettet sind.

Diese Ökonomie des rechten Maßes nenne ich Typ 2 oder Postwachstumsökonomie, oder wie John Stuart Mill es formuliert hat, die „Steady State Economy“. Da geht es auch um Suffizienz, aber auch um die Subsistenz. Suffizienz heißt Genügsamkeit und Angemessenheit und Subsistenz heißt Produktion für kleine Kreise, für sich selbst und nicht für den anonymen Markt. Beide Elemente, die Ökonomie der Suffizienz und die Ökonomie der Subsistenz, werden von der vorherrschenden Mainstream-Politik entweder abgelehnt oder als Kinkerlitzchen abgetan, als Nische für irgendwelche Ökos oder Verzichtsapostel. Aber hier liegt ein mindestens ebenso wichtiger Schlüssel zur nachhaltigen Entwicklung wie in der grünen Ökonomie. Ich meine sogar, es ist ein wichtigerer, weil es hier um intrinsische Motivationen geht.

Der Typ 3 ist die kooperative Ökonomie − das ist das, woran ich im Moment überwiegend forsche. Andere nennen das Gemeinwohlökonomie, wieder andere solidarische Ökonomie. Ich denke, dass es mit kooperativer Ökonomie am besten beschrieben ist. Mit kooperativer Ökonomie ist gemeint, dass Menschen nicht im Modus der Kompetition, des Wettbewerbs miteinander umgehen, sondern im Modus der Kooperation. Das wird nicht frei von Widersprüchen sein und es wird auch nicht so sein, dass der Wettbewerb völlig von der Bildfläche verschwindet, aber es muss eine gute Mischung geben aus kooperativen Elementen und kompetitiven Elementen. Viele aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, auch technologische Entwicklungen, wie Dezentralisierung und Vernetzung gehen in diese Richtung. Ich sage nicht, dass das definitiv so kommen wird, aber es bietet große Potenziale. Ein Beispiel ist die Ökonomie des Teilens − mit Sharing Economy nicht wirklich gut übersetzt. Wenn wir Dinge gemeinschaftlich nutzen, gibt es die Möglichkeit, Ressourcen zu sparen und Umweltschutz zu betreiben. Aber wir wissen gleichzeitig, dass der Kapitalismus ein sehr intelligentes Biest ist, dass er immer wieder versucht, soziale Innovationen in Geschäftsfelder zu transformieren. Airbnb, Uber, car2go, DriveNow, das sind soziale Innovationen, Ridesharing, Carsharing, Appartmentsharing, eigentlich soziale Aktivitäten, die über Plattformen und über Apps so verändert werden, dass sie zu Geschäftsfeldern werden. Das ist eine doppelgesichtige Angelegenheit. Aber hier sehe ich durchaus Potenzial, wenn die politische Regulierung stimmt. Das ist der entscheidende Punkt. Man muss diese Felder regulieren, sonst führen sie in eine Dumpinghölle.

In diesen Kontext würde ich auch den Fairen Handel einsortieren, die Erzeuger-Verbraucher-Kooperation ganz allgemein. Die drei Grundmotivationen des Fairen Handels wurden schon dargelegt: Er will benachteiligten Produzentengruppen helfen, die Öffentlichkeit zu sozial gerechtem Konsumverhalten anhalten und die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen dahingehend ändern, dass es fairer zugehen kann. Fairer Handel basiert sehr stark auf dem Gedanken der Erzeuger-Verbraucher- Kooperation oder dem des Prosumierens (zusammengesetzt aus Produktion und konsumieren), Prosumer-Networks. Dabei gibt es diese künstliche Scheidelinie nicht: Hier die Produzent*innen, dort die Konsument*innen und zwischen beiden ist eine dicke Mauer, sie haben nichts miteinander zu tun und wissen auch nichts voneinander. Der Gedanke ist, dass die Dinge sich vermischen. Man ist mal Erzeuger, mal Verbraucher. Viele Energiegenossenschaften sind nichts anderes als Energy Prosumers. Wir sehen es im Bereich der landwirtschaftlichen Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, aber auch im Bereich des Social und Ethical Bankings. Die Leute sagen ganz einfach: Ich gebe meine Verantwortung nicht an der Ladentheke oder am Bankschalter oder an der Steckdose ab, sondern ich will wissen, was dahinter liegt. Ich frage die Bank, was machst du eigentlich mit meinem Geld. Ich frage das Energieunternehmen, wie erzeugst du eigentlich meine Energie und wo kommt die her. Ich frage den Lebensmitteleinzelhandel, wo kommen meine Nahrungsmittel her und wie werden sie produziert.

Diese Idee der Prosumenten-Netzwerke − übrigens eine alte Idee von Alvin Toffler aus den 1980er Jahren −, erfährt unter anderem durch die Digitalisierung, die auch zwei Gesichter hat, eine Aufwertung. Ich denke, der Faire Handel sollte sich auch als soziales Prosuming-Modell verstehen, dem es stark darum geht, dass Erzeuger-Verbraucher-Kooperationen über große Distanzen möglich werden. Der Faire Handel wäre dann im Weltmaßstab eine Form des Prosumierens.

Darüber hinaus finde ich die Regional Economy einen wichtigen Aspekt. Die Fair-Handels-Bewegung beschäftigt sich in großem Umfang mit Überseehandel. Aber ein Aspekt nachhaltiger Wirtschaft ist natürlich die Deglobalisierung und die Reregionalisierung, gerade im Bereich der Nahrungsmittel, auch der Baustoffe, der Gebrauchsgüter und -produkte allgemein. Es gibt Produkte, die wir nicht selber produzieren können, und da müssen die Rahmenbedingungen so sein, dass sie fair sind. Aber der Gedanke der Regionalökonomie oder der Ökonomie der Subsidiarität, also der angemessenen Handlungsebene, bleibt wichtig. Was auf der unteren Ebene gut geregelt werden kann, muss nicht auf der höheren Ebene geregelt werden – so heißt es in der Politik. In der Ökonomie könnte man sagen: Was regional produziert werden kann, muss nicht zwingend von weither importiert werden.

Die Idee der Resilienz, der Robustheit, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Wenn ich 100 Prozent meines Energieverbrauchs importiere, bin ich anfällig, wenn es Konflikte gibt. Ich darf mich nicht zu stark abhängig machen von einem Rohstoff oder einem Lieferanten oder einem Energieträger. Diversifizierung ist eine Strategie, aber die andere ist natürlich die Regionalisierung, die Nutzung von regionalen Potenzialen. Dann das große Thema der Allmende, der Gemeinschaftsgüter oder der Commons. Da geht es darum, dass wir – jetzt mal in Bezug auf unser eigenes Land – die öffentlichen Güter pflegen und die öffentlichen Infrastrukturen, sei es für Strom, Gas, Wasser, Abwasser, auch das Internet nicht privaten Profitinteressen ausliefern, sondern dass wir sie soweit wie möglich in öffentlicher Hand oder mindestens unter öffentlicher Kontrolle halten.

Diffusionsmuster von Nachhaltigkeitsinnovationen beim Herauswachsen aus der Nische in den Mainstream

Diffusionsmuster von Nachhaltigkeitsinnovationen – zu denen ich auch den Fairen Handel zähle − beim
Herauswachsen aus der Nische in den Mainstream:

Diffusionsmuster von Nachhaltigkeitsinnovationen
  • Gesellschaftlicher Bewusstseinswandel aus dem Geiste der Kritik am Bestehenden ("Negation des Falschen"),
  • Entwicklung von alternativer Pionierpraxis in der Nische ("First Mover"),
  • Langsame Diffusion der neuen Praxis und wechselseitiges Lernen ("Early Follower"),
  • Schaffung politisch förderlicher Rahmenbedingung zur Verbreitung der erwünschten Praxis,
  • Massenhafte Diffusion der neuen Praxis in unterschiedlicher Geschwindigkeit ("Early Adopter" und "Late Adopter"),
  • Veränderte Praxis als neuer "Mainstream".

Das ist ein Modell, das ich durch eigenes Nachdenken und intensive Beobachtungen während meiner 18 Jahre in der Kommunalpolitik, der Bundespolitik und der Europapolitik entwickelt habe. Natürlich basiert es auch auf den Vorarbeiten anderer, die sich ähnliche Gedanken gemacht haben.

Am Anfang steht das große Nein, so wollen wir das nicht, also gesellschaftlicher Bewusstseinswandel aus dem Geiste der Kritik am Bestehenden, die Negation des Falschen. Bei der Energiedebatte in den 1970er Jahren können wir das ganz klar sehen. Da gibt es ein großes Nein zur Atomenergie, nicht nur wegen der Gefahren − Unfallgefahren, Endlagerungsprobleme, Missbrauchsgefahren −, sondern auch wegen der gesellschaftlichen Auswirkungen, die die Atomenergie hat. Robert Jungk zeigt in „Der Atomstaat“, dass es ein Staat ist, der uns bis in die letzten Verästelungen unseres Lebens hinein kontrolliert.

Es wird häufig gesagt: „Dagegen sein, das reicht nicht aus.“ Natürlich reicht das nicht aus. Aber die Ablehnung des Falschen steht oft am Anfang und hat eine große Energie, eine große soziale Energie. Bei der Weltwirtschaft ist es ganz ähnlich. Da sehe ich eine gewisse Analogie zwischen dem Fairen Handel und der Entwicklung von alternativer Energiepraxis in der Nische. First Mover werden diejenigen genannt, die nicht nur das große Nein sagen, sondern auch versuchen, es anders zu machen: die Freaks, die Tüftler, die Landkommunarden, die erneuerbare Energien anwenden. Oder die Leute, die genug haben von der autogerechten Stadt und Carsharing- Gemeinschaften bilden. Oder auch Leute, die sagen, dieses Finanzsystem, das stinkt mir, wir versuchen mal was anderes. Wir gründen mal eine Ethik-Bank oder eine Öko-Bank, also eine Bank, die sagt, wir machen das anders. Und das alles in der Nische, ganz wenige, ganz klein. Oder Leute im Fairen Handel, die nicht nur sagen, wir halten die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für falsch, sondern die sagen – natürlich mit großer politischer Geste – wir wollen versuchen in der Praxis etwas anders zu machen, auch wenn es erst mal nur klein ist. Wir machen das in dem Bewusstsein, dass es sich in etwas Größeres einbettet – wir haben das damals genannt: "Global denken, lokal handeln" − und es ist etwas, was das Zeug dazu hat, sich auszubreiten.

Das nächste ist die langsame Diffusion der neuen Praxis und wechselseitiges Lernen. Ich nenne das die Early Follower. Man fängt an, sich zu vernetzen. Bei den erneuerbaren Energien fingen nicht nur die NGO-Aktivisten, die Tüftler und die Freaks, sondern auch die ersten Handwerker an, sich damit zu beschäftigen und selbst in der Wissenschaft bildeten sich Epistemic Communities, Wissensgemeinschaften. Sogar in manchen Stadtwerken, in lokalen Energieversorgungsunternehmen fing man an, darüber nachzudenken, ob das nicht sinnvoll sein könnte. Das war im Energiebereich in den 1980er Jahren. Dieses Denken breitete sich aus und bekam eine gewisse Relevanz. Beim Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland lagen wir Anfang der 90er Jahre bei drei Prozent. Das waren vor allem große Wasserkraftwerke und Biomasseanlagen und ganz wenig Wind- und Sonnenenergie.

Wenn das Ganze aus der Nische herauswachsen soll, muss es einen Punkt geben, an dem die Politik förderliche Rahmenbedingungen schafft. Denn bei allem ehrenamtlichen Idealismus – irgendwo sind Grenzen. Es muss etwas getan werden, dass die neue Praxis aus der Nische herauswachsen kann. Das führte in Deutschland in Bezug auf die Stromerzeugung dazu, dass 1991 das Stromeinspeisungsgesetz gemacht wurde. Das hat durchaus einen Effekt gehabt. Jeder, der Strom aus Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme oder Biomasse erzeugt und ins öffentliche Netz einspeist, bekommt dafür eine recht gute Vergütung. Das führte dazu, dass wir Ende der 1990er Jahre bei fünf Prozent Anteil von erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung waren. 1998 kam unter Rot-Grün das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Und wir haben nicht nur gesagt: "Jeder, der Strom aus Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme oder Biomasse erzeugt und ins öffentliche Netz einspeist, bekommt dafür eine angemessene Vergütung, sondern es gibt auch einen Einspeisungsvorrang für Strom aus erneuerbaren Energien ins öffentliche Netz, d.h. die Netzbetreiber müssen den Strom aufnehmen." Das war der Durchbruch. Heute sind wir bei einem Anteil von 35 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung und das Ziel der Bundesregierung ist eine weitgehende Vollversorgung bis 2050. Das ist meines Erachtens zu spät, das geht auch eher. Aber klar ist: Politik ist an dieser Stelle wichtig. Nur so kommt es zur massenhaften Diffusion der neuen Praxis in unterschiedlicher Geschwindigkeit durch die sogenannten Early Adopter und die Late Adopter. Und am Ende steht eine veränderte Praxis als neuer Mainstream. Allerdings gibt es im Herauswachsen solcher Innovationen aus der Nische in den Mainstream auch immer wieder Versuche, sie zu kapern. Ein Beispiel dafür sind die großen Stromkonzerne, die das Geschäft lange verpennt haben und es jetzt wieder an sich ziehen wollen über Bietermodelle, Ausschreibungsmodelle, Quotenmodelle.

Wenn wir jetzt nochmal versuchen, das auf den Fairen Handel zu übertragen, würde ich sagen, die ersten drei Punkte sind erfüllt. Es gibt eine Ablehnung der falschen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Faire Handel macht 1,7 Milliarden Umsatz, wenn auch primär in Supermärkten. Es gibt eine Entwicklung von alternativer Pionierpraxis. Auch Stufe 3 ist schon erreicht, die langsame Diffusion der neuen Praxis und das wechselseitige Lernen. Man kann über die Distributionsstrukturen diskutieren. Ich kenne das aus der Ökoladen-Bewegung, wo auch viele sagen: Ökoprodukte gehören nicht in Supermärkte. Manche sagen auch: Fair-Handels- Produkte gehören nicht in Supermärkte. Da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber wenn es in die Breite soll, dann wird es früher oder später in den etablierten Distributionsstrukturen landen. Das finde ich nicht so falsch, aber diese Strukturen müssen sich ihrerseits auch ändern. Also nicht, dass da so weitergemacht wird wie bisher und die Preise gedrückt werden bis zum Gehtnichtmehr. Was beim Fairen Handel fehlt, ist die Schaffung von förderlichen politischen Rahmenbedingungen, damit das zum neuen gesellschaftlichen Mainstream werden kann.

Einige Gedanken zum Fairen Handel

Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen halten die Entwicklungsländer in der Rolle von Rohstoffund Agrarproduktlieferanten gefangen. Zugleich müssen sie Industrieprodukte und Dienstleistungen zu hohen Preisen importieren. Dadurch verschlechtern sich ihre Terms of Trade – das ist das Verhältnis von Einfuhrpreisen zu Ausfuhrpreisen. Das sieht man an Ländern wie Nigeria mit 95 % Öleinnahmen ganz extrem, aber selbst in Ländern, die weiterentwickelt sind, wie Argentinien. Auch dort kommen praktisch 80 % der Einnahmen aus Rohstoffen und Agrarprodukten. Sie haben sehr, sehr wenig Produkte mit hoher nationaler Wertschöpfung und – im Regelfall – Produkte mit niedriger Fertigungstiefe, d.h., der Wert bleibt nicht im Land, sondern geht raus. Die Wertschöpfung wird bei uns generiert durch die Fertigungsprozesse, durch die Distributionsprozesse. Deshalb wäre der Vorschlag für die politische Lösung: In den Handelsvereinbarungen müssen die Entwicklungsländer Möglichkeiten erhalten, einen größerem Teil der Wertschöpfung von Exportprodukten im Inland zu halten. Industriestaaten müssen ihre Märkte für Wertschöpfungsprodukte mit größerer Fertigungstiefe öffnen. Ich sag es mal ganz einfach: Nur Rundhölzer zu exportieren ist nicht besonders attraktiv, Bretter zu exportieren ist schon effektiver, Möbelelemente zu exportieren ist attraktiver und fertige Möbel zu exportieren ist noch attraktiver. Holz ist vielleicht ein schlechtes Beispiel wegen der Übernutzung. Aber dennoch benutze ich es mal, um zu zeigen, dass die Ermöglichung einer höheren Fertigungstiefe ein sehr wichtiger Punkt ist.

Viele Industriestaaten gewähren ihren hochindustrialisierten Agrarwirtschaften immer noch Exportsubventionen, was den Entwicklungsländern den Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft sehr erschwert. Die Diskussionen über europäische Agrarsubventionen sind bekannt. Die EU sagt zwar immer, sie würde auf dieser Ebene kaum noch etwas machen, aber in Wahrheit sind es häufig Schattensubventionen, die in die Exportförderung fließen. Die politische Lösung würde lauten: Diese Exportsubventionen müssen abgeschafft werden, denn die sind nicht fair, und den Entwicklungsländern muss in den Handelsverträgen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Binnenmärkte selektiv zu schützen und endogene Entwicklungsstrategien zu verfolgen. Exportproduktion kann ein Teil davon sein, aber vor allem geht es um binnenwirtschaftliche Entwicklungsstrategien.

In Industriestaaten werden soziale und ökologische Kriterien beim Kauf von lebensnotwendigen Produkten, wie Nahrung, Kleidung und Baumaterial bislang nur von einer kleinen Minderheit berücksichtigt. Selbst wenn man sagt, 1,7 Milliarden Umsatz für fair gehandelte Produkte ist schon mal etwas, aber im Verhältnis zum Gesamthandel ist es nicht so viel. Als politische Lösung sehe ich hier gezielte politische Kampagnen und auch Vermarktungshilfen für fair gehandelte Produkte, die dabei helfen, sie zu popularisieren und aus der Nische herauszuholen.

Von Akteuren in Entwicklungsländern werden ökologische und soziale Anforderungen an ihre Produkte oft als von außen aufoktroyierte Standards empfunden und als Strategie zur faktischen Abschottung der Industrieländermärkte aufgefasst. Es erscheint praktisch als grüner Neoprotektionismus, wenn Standards formuliert werden, die es den Entwicklungsländern sehr schwer machen, ihre Produkte in größerem Umfang, in größerer Qualität zu exportieren. Die politische Lösung wäre hier, dass die Vereinbarungen zu Umwelt- und Sozialstandards im Geiste der Kooperation und des wechselseitigen Verständnisses entwickelt werden, damit sie wirklich auf allen Seiten zu intrinsischen Motiven werden. Es geht nicht an, dass die Industrieländer diese Standards autonom formulieren und dann sagen: „So müsst ihr das machen, sonst kommt ihr hier nicht rein, sondern dass man versucht, gemeinsam Standards zu entwickeln.“

Prof. Dr. Reinhard Loske ist Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke; zuletzt von ihm erschienen und Basis des hier abgedruckten Vortrags: Politik der Zukunftsfähigkeit. Konturen einer Nachhaltigkeitswende. S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main 2015, Umweltbuch des Jahres 2016.

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