Warum Permakultur die Ernährungssysteme revolutioniert (Teil 2)

Foto: Tom Fisk/Pexels

Gastbeitrag von Stephanie Nicolaus

In Teil 1 dieser Reihe ging es um die Grundlagen der Permakultur – ihre Geschichte, ihre Ethik und ihr Verständnis als ganzheitlicher Gestaltungsansatz für Mensch und Natur.
Er zeigt, wie mit Permakultur Böden regeneriert, Biodiversität gestärkt und soziale Verantwortung gefördert werden.

Teil 2 beleuchtet politische Rahmenbedingungen, Herausforderungen in der Umsetzung und inspirierende Praxisbeispiele.

Über die Autorin

Stephanie Nicolaus hat Global Change Management an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde studiert und sich auf nachhaltige Ernährungssysteme spezialisiert. Derzeit erweitert sie ihr Wissen als angehende Permakultur-Designerin, um die Ursachen an der Wurzel zu packen und nachhaltige Lösungen ganzheitlich zu gestalten. Ihr Fokus liegt darauf, positive systemische Veränderungen in Ernährung und Umwelt voranzutreiben und Brücken zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft zu bauen.

Politik der Zukunft – Warum sich das System (noch?) gegen Permakultur wehrt

Trotz ihrer nachgewiesenen Wirkung für Boden, Klima und Ernährung wird die Permakultur – ebenso wie andere Formen regenerativer Landwirtschaft – systematisch benachteiligt. Nicht etwa, weil sie nicht funktioniert – sondern weil sie nicht ins bestehende System passt: jenes System, das auf Industrialisierung, Wachstum und kurzfristige Effizienz setzt.

Subventioniert wird größtenteils, was zerstört

Ein großer Teil der Agrarförderung in Deutschland und Europa fließt nach wie vor flächengebunden – das heißt: Wer mehr Land besitzt, bekommt mehr Geld. Besonders profitieren davon große Betriebe mit hohem Maschineneinsatz und Chemiebedarf. Gefördert werden also Agrarchemie und Maschinen – jedoch kaum die pflegende Handarbeit, Vielfalt oder lebendige Böden.

Kleinbäuerliche, biodiversitätsfördernde oder soziale Landwirtschaft schöpft aus einem nur sehr kleinen Fördertopf und ist mit vielen bürokratischen Hürden verbunden [i]. Sinnvolle Kombinationen an Maßnahmen auf dem Acker schließen sich im Förderregelwerk gegenseitig aus – wirtschaftliches Arbeiten wird so stark erschwert. Das System belohnt Masse statt Fürsorge, kurzfristige Erträge statt langfristiger Fruchtbarkeit.

Die wahren Kosten bleiben unsichtbar

Was auf dem Papier rentabel erscheint, ist in Wahrheit teuer. Die sogenannte industrielle Effizienz basiert auf externalisierten Kosten – also Schäden, die nicht vom Betrieb selbst getragen werden, sondern von uns allen:

  • Böden verarmen und werden verdichtet, was langfristig die Erträge senkt und Fluten begünstigt.
  • Wasser wird belastet und muss aufwendig gereinigt werden.
  • Die Artenvielfalt geht zurück – mit Folgen für Bestäubung, Schädlingsregulation und die Klimaanpassungsfähigkeit.
  • Land verliert seine Fähigkeit, CO2 zu speichern – und heizt die Klimakrise weiter an.
  • Ernteausfälle, provoziert durch Monokulturen, müssen zunehmend staatlich kompensiert werden.

Diese Kosten tauchen auf keinem Preisschild im Supermarkt auf, sie werden ausgelagert: in die Umwelt, die Gesellschaft und zukünftige Generationen. Eine Studie der Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass weltweit mehr als 10 Billionen Dollar pro Jahr an sogenannten „versteckten Kosten“ durch das Ernährungssystem entstehen – durch Umweltschäden, Gesundheitsfolgen und soziale Ungleichheit [ii].

Forschung und Ausbildung: Fokus auf Technik statt Systemverständnis

Auch in der landwirtschaftlichen Ausbildung dominiert weiterhin das Paradigma der konventionellen Effizienz: Düngemittelmengen, Pflanzenschutzpläne, Erntemaximierung. Ganzheitliches Systemverständnis – zum Beispiel: Was hält einen Boden fruchtbar? Wie fördert man natürliche Resilienz? Wie baut man geschlossene Kreisläufe auf? – kommt oft nur am Rand vor.

Permakultur wird an landwirtschaftlichen Hochschulen und Berufsschulen bislang kaum gelehrt, ebenso wenig wie verwandte Ansätze aus der Agrarökologie. Hier fehlt nicht Erkenntnis, sondern politischer Wille, den Fokus zu verschieben.

Wandel von innen – Landwirt*innen denken um

Gleichzeitig zeigen sich immer mehr Risse im alten System. Viele Landwirt*innen spüren selbst, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen: hohe Abhängigkeit von Chemie und Großkonzernen, steigende Kosten, wachsende gesellschaftliche Kritik – und Böden, die buchstäblich unter den Füßen wegbrechen.

Ein wachsender Teil von ihnen beginnt umzudenken: weg von der Monokultur, hin zu Mischkulturen, Bodenaufbau und Diversifizierung. In Deutschland entstehen erste Pilotprojekte für regenerative Landwirtschaft – auch auf großen Flächen. Sie zeigen: Es geht. Aber es braucht Mut, Austausch, finanzielle Sicherheit – und eine Politik, die Wandel möglich macht.

Wissenschaftlicher Rückenwind – z.B. durch den WBGU

Auch auf politischer Ebene mehren sich die Stimmen für einen echten Wandel. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) fordert in seinem Gutachten von 2020 einen tiefgreifenden Umbau des Ernährungssystems – hin zu Regeneration, Gemeinwohl und planetaren Grenzen. Seine Empfehlung: Subventionen konsequent an Nachhaltigkeit und Resilienz koppeln [iii].

Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in Diversität, Regionalität und sozial-ökologischer Verantwortung.“ – WBGU

Solche Empfehlungen zeigen: Regenerative Landwirtschaft ist kein Nischenmodell – sie ist Teil der notwendigen Transformation. Doch ohne politische Weichenstellung bleibt sie vor allem in der Zivilgesellschaft verankert – und wird vom Staat systematisch übersehen.

Kann Permakultur trotzdem wirtschaftlich in der EU umgesetzt werden?

Doch trotz dieser politischen und ökonomischen Schieflagen zeigen einige Pionier*innen: Permakultur funktioniert – auch innerhalb des bestehenden Systems.

Die Bec Hellouin Organic Farm in der Normandie ist unter anderem durch den Film Tomorrow weltweit bekannt. Sie wurde 2006 von der Familie Hervé-Gruyer gegründet. Sie sagen über sich selbst, dass sie zu Beginn eine Menge Fehler gemacht haben und ihre Startphase herausfordernd gewesen ist.

Ihre Geschichte zeigt, dass regenerative Arbeit auf einer Fläche ein großer Lernprozess ist. Man muss das Stück Land wirklich gut kennenlernen, mit den Eigenschaften arbeiten und die Methoden daran anpassen – nicht andersherum. Allen aufstrebenden Landwirt*innen der regenerativen Praxis, erzählt Perrine Bulgheroni (früher: Hervé-Gruyer), die Mitbegründerin der Farm, dass sie auf fünf Dinge besonders aufpassen müssen: 1. Wasser, 2. Wasser, 3. Wasser, 4. Wasser und 5. Energie. Denn in einer Zukunft, in der Dürren und Fluten neue Normalität werden, entscheidet cleveres Wassermanagement, ob eine Fläche Trockenheit und Überflutung standhält [iv].

Seit 2007 haben sie auf Basis der Permakultur und der biointensiven Anbautechniken von E. Coleman und J. Jeavons ihr eigenes Marktgarten-Modell entwickelt. Dieses wurde die Basis für die von 2011 bis 2015 laufende Studie „Case Study – Permacultural Organic Market Gardening and Economic Performance“ des Nationalen Instituts für Agrarforschung in Frankreich (INRA-AgroParisTech), um der Frage der Wirtschaftlichkeit nachzugehen [v].

Untersucht wurde der Ertrag, der auf einer 1000 m² großen Fläche (Wege rausgerechnet) generiert werden kann. Im ersten Jahr (2013) konnten durchschnittlich 33.000 € mit einer Vollzeitkraft (43 Wochenstunden) erwirtschaftet werden und im Folgejahr 57.000 € mit 1,5 Arbeitskräften. 

Das französische Institut für Agrarforschung hat an diese Forschung weitere Reihen angeschlossen, um mehr Wissen zur regenerativen Wirkung zu bekommen und um Handlungsempfehlungen für die Zukunft ableiten zu können. Auch die Frage der Skalierung kommt auf. Wobei hier nicht falsch verstanden werden soll, dass es um die Frage geht, wie ein Mensch immer mehr Fläche bewirtschaften kann. Mit dieser Denkweise sind wir in die aktuelle Situation geraten. 

Eine Idee ist zum Beispiel der Zusammenschluss ganz vieler Klein- und Mini-Farmen. So können an das Land und Topographie sinnvoll angepasste Strukturen entworfen werden. Zum Beispiel im Bereich des Wassermanagements: Auf einer 1000 m² Fläche sind die Hemmungen groß einen großen Speichersee anzulegen. Wenn sich sechs Farmen zusammenschließen und einen gemeinsamen Speichersee anlegen, sieht es schon wieder anders aus.

Dieses Beispiel zeigt: Wirtschaftlichkeit und ökologische Verantwortung schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Wenn der Boden gesund ist, wenn Vielfalt das System trägt, entsteht Fülle ganz von selbst. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft misst ihren Erfolg nicht allein in Euro und Ertrag, sondern in lebendigen Böden, gesunden Gemeinschaften und einer Erde, die auch kommende Generationen nährt.

Unterschiede im Globalen Norden und Globalen Süden

Was in Europa oft noch in Pilotprojekten steckt, ist in anderen Weltregionen längst Alltag – mit ganz eigenen Chancen und Herausforderungen.

Jens Hauck, der Gründer und Vorsitzende des FoodForstNetwork e.V. lehnt den wirtschaftlichen Vergleich ab. Verständlicherweise, denn, wenn man die Verzerrung durch externalisierte Kosten der industriellen Landwirtschaft und die Dienstleistungen (z.B. Treibhausgasbindung, Stärkung der Biodiversität und Resilienz der Fläche) permakulturell agierender Landwirt*innen betrachtet, die nicht finanziell honoriert werden, merkt man schnell, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden. 

Er fordert eine Startförderung für regenerative Betriebe, sodass sich diese in den ersten drei bis sieben Jahren auf die Regeneration und nicht den Ertrag fokussieren können, bis das ökologische Agrarsystem der Fülle entstanden ist. 

Jens ist seit vielen Jahren in Westafrika, „seiner großen Lehrmeisterin“, unterwegs und hat dort zahlreiche Waldgärten [vi] aufgebaut. Aktuell zum Beispiel im Projekt Ana Fonio in Senegal, eine drei Hektar große semiaride Fläche in einer Dornsavanne, das sich auf die Produktion und Veredelung von Früchten, Gemüse- und Heilpflanzenanbau, sowie auf die Wiederaufforstung der Wüste konzentriert. 

Das Besondere in der Äquatorzone ist ihr äußerst hoher solarer Energieeintrag, wodurch die Aktivität der Photosynthese und damit das Pflanzenwachstum sehr groß sind. Innerhalb von einem bis zwei Jahren kann man die Veränderungen durch regenerative Methoden erfahren und bekommt schnell Feedback vom System, sodass man sehr zeitnah geeignete Anpassungen in den Methoden und Bepflanzungsplänen vornehmen kann. In Deutschland dauert dieses Feedback des Ökosystems eher fünf bis zehn Jahre. 

Der Verein stellt ein aktives Netzwerk zur Verfügung, um weltweit Menschen zu vernetzen, die Waldgärten aufbauen, Wissen teilen und von bestehenden Systemen lernen oder diese unterstützen möchten. Diese Waldgarten-Projekte befinden sich über den Globus verteilt in Ghana, Senegal, Uganda, Spanien, Bolivien aber auch in Brandenburg. Der Verein bietet Planung, Design und Beratung für regenerative Garten- und Landwirtschaftsprojekte an sowie Bildung in Form von Workshops und Vorträgen. Das FoodForestNetwork freut sich über Mitstreiter*innen in verschiedensten Formen. Interessiert?

Der Handel von Produkten, die aus permakulturellen Betrieben stammen, ist überregional oder weltweit vor allem durch Handelsgemeinschaften oder Kooperativen möglich. Denn ein permakulturell bewirteter Garten bringt eine Vielzahl an Produkten in kleineren Mengen hervor. Das löst Abhängigkeiten von einzelnen Produkten und fördert lokale Versorgungsstrukturen. Und gemeinsam kommt dann doch eine größere Menge von z. B. Kaffee zusammen, den man überregional vermarkten kann. 

Für permakulturelle bzw. regenerative Landwirtschaft gibt es keine Zertifizierung –  deswegen braucht es Transparenz und Vertrauen. Ein Beispiel für permakulturell sowie fair angebauten Kaffee ist Angelique’s Finest, ein aus Frauenhand produzierter Kaffee, der bei der Kaffee-Kooperative bezogen werden kann.

Wissen ehren statt aneignen

Permakultur schöpft aus einer Vielzahl von Quellen – und viele davon sind alt. Sehr alt.
Weltweit haben indigene Gemeinschaften seit Jahrhunderten im Einklang mit ihren Ökosystemen gelebt und komplexe, widerstandsfähige Systeme entwickelt: in Wäldern, Wüsten, Savannen, Hochgebirgen und Küstenzonen. Vieles, was heute unter „Permakultur“ oder „regenerativer Landwirtschaft“ gelehrt wird, ist kein neues Wissen, sondern von der westlich geprägten Kultur wiederentdecktes – oft unter anderem Namen.

Bill Mollison, einer der Begründer der Permakultur, hat dieses Wissen nicht erfunden, sondern beobachtet, gesammelt – und dabei auch von indigenen Kulturen gelernt. Das anzuerkennen, ist nicht nur ein Akt der Ehrlichkeit, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit. Denn über Jahrhunderte hinweg wurden genau diese Formen naturbasierten Wissens durch Kolonialismus, Missionierung und westliche Wissenschaft unterdrückt. Die historische „weiße Vorherrschaft“ hat auch in der Landwirtschaft ihre Spuren hinterlassen: durch die Abwertung von Praktiken, die nicht ins industrielle oder westliche Modell passten [vii].

Permakultur darf deshalb nicht zum westlichen Exportmodell werden – schon gar nicht unter dem Deckmantel von Entwicklung oder Fortschritt. Es braucht eine Lehre und Praxis, die die Urheber*innenschaft sichtbar macht und die offen ist für Perspektiven, die aus dem Globalen Süden, aus indigenem Wissen und aus Praxiserfahrungen kommen. Eine Permakultur, die ernst macht mit Fürsorge für Menschen und gerechter Verteilung, muss auch im Bereich von Bildung und Forschung inkludierend, dekolonial und respektvoll sein.

Übrigens: Mehr Infos zum Thema Biodiversität und andere agrarökologische Methoden gibt's in der Hintergrundbroschüre „Biologische Vielfalt und Fairer Handel“. 

Publikationen zum Thema
Forum Fairer Handel (2025):

Biologische Vielfalt und Fairer Handel

Forum Fairer Handel (2025):

Kompass Fairer Handel: "Biologische Vielfalt und Fairer Handel"

Anmerkungen

[i] Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: EU-Agrarpolitik und Förderung; https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/eu-agrarpolitik-und-foerderung/eu-agrarpolitik-und-foerderung_node.html

[ii] Food and Agriculture Organization of the United Nations (2023): The State of Food and Agriculture 2023; DOI: https://doi.org/10.4060/cc7724en

[iii] Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2020): Hauptgutachten Landwendeim Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration; www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/landwende

[iv] Permaculture – EARTH CARE, PEOPLE CARE, FUTURE CARE (2025, Sommer Ausgabe No. 124, S. 22 - 26): Collaborative Farming; https://www.permaculture.co.uk/issue/summer-124/ 
 

[v] Sacha Guégan and François Léger (2015):Case Study Permacultural Organic Market Gardening and Economic Performance; https://www.fermedubec.com/wp-content/uploads/sites/8/2024/03/Bec-Hellouin-Farm-Profitability-study.pdf 

[vi] Der Waldgarten (engl.: Foodforest) ist eine spezielle Methode, die auch von der Permakultur genutzt wird. Der Verein ist auf den drei ethischen Prinzipien der Permakultur aufgebaut, weshalb wir hier von ausgehen können, dass es sich um Permakulturprojekte handelt.

[1] Wer mehr zu Folgen des Kolonialismus und postkolonialen Strukturen in der Landwirtschaft lesen möchte wird zum Beispiel hier fündig: Gesellschaft für Agrargeschichte (2021, Heft 2, S. 7 – 9): Kolonialismus und Landwirtschaft; https://www.agrargeschichte.de/jg-69-heft-2-2021-kolonialismus-und-landwirtschaft/

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