Politik der Zukunft – Warum sich das System (noch?) gegen Permakultur wehrt
Trotz ihrer nachgewiesenen Wirkung für Boden, Klima und Ernährung wird die Permakultur – ebenso wie andere Formen regenerativer Landwirtschaft – systematisch benachteiligt. Nicht etwa, weil sie nicht funktioniert – sondern weil sie nicht ins bestehende System passt: jenes System, das auf Industrialisierung, Wachstum und kurzfristige Effizienz setzt.
Subventioniert wird größtenteils, was zerstört
Ein großer Teil der Agrarförderung in Deutschland und Europa fließt nach wie vor flächengebunden – das heißt: Wer mehr Land besitzt, bekommt mehr Geld. Besonders profitieren davon große Betriebe mit hohem Maschineneinsatz und Chemiebedarf. Gefördert werden also Agrarchemie und Maschinen – jedoch kaum die pflegende Handarbeit, Vielfalt oder lebendige Böden.
Kleinbäuerliche, biodiversitätsfördernde oder soziale Landwirtschaft schöpft aus einem nur sehr kleinen Fördertopf und ist mit vielen bürokratischen Hürden verbunden [i]. Sinnvolle Kombinationen an Maßnahmen auf dem Acker schließen sich im Förderregelwerk gegenseitig aus – wirtschaftliches Arbeiten wird so stark erschwert. Das System belohnt Masse statt Fürsorge, kurzfristige Erträge statt langfristiger Fruchtbarkeit.
Die wahren Kosten bleiben unsichtbar
Was auf dem Papier rentabel erscheint, ist in Wahrheit teuer. Die sogenannte industrielle Effizienz basiert auf externalisierten Kosten – also Schäden, die nicht vom Betrieb selbst getragen werden, sondern von uns allen:
- Böden verarmen und werden verdichtet, was langfristig die Erträge senkt und Fluten begünstigt.
- Wasser wird belastet und muss aufwendig gereinigt werden.
- Die Artenvielfalt geht zurück – mit Folgen für Bestäubung, Schädlingsregulation und die Klimaanpassungsfähigkeit.
- Land verliert seine Fähigkeit, CO2 zu speichern – und heizt die Klimakrise weiter an.
- Ernteausfälle, provoziert durch Monokulturen, müssen zunehmend staatlich kompensiert werden.
Diese Kosten tauchen auf keinem Preisschild im Supermarkt auf, sie werden ausgelagert: in die Umwelt, die Gesellschaft und zukünftige Generationen. Eine Studie der Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass weltweit mehr als 10 Billionen Dollar pro Jahr an sogenannten „versteckten Kosten“ durch das Ernährungssystem entstehen – durch Umweltschäden, Gesundheitsfolgen und soziale Ungleichheit [ii].
Forschung und Ausbildung: Fokus auf Technik statt Systemverständnis
Auch in der landwirtschaftlichen Ausbildung dominiert weiterhin das Paradigma der konventionellen Effizienz: Düngemittelmengen, Pflanzenschutzpläne, Erntemaximierung. Ganzheitliches Systemverständnis – zum Beispiel: Was hält einen Boden fruchtbar? Wie fördert man natürliche Resilienz? Wie baut man geschlossene Kreisläufe auf? – kommt oft nur am Rand vor.
Permakultur wird an landwirtschaftlichen Hochschulen und Berufsschulen bislang kaum gelehrt, ebenso wenig wie verwandte Ansätze aus der Agrarökologie. Hier fehlt nicht Erkenntnis, sondern politischer Wille, den Fokus zu verschieben.
Wandel von innen – Landwirt*innen denken um
Gleichzeitig zeigen sich immer mehr Risse im alten System. Viele Landwirt*innen spüren selbst, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen: hohe Abhängigkeit von Chemie und Großkonzernen, steigende Kosten, wachsende gesellschaftliche Kritik – und Böden, die buchstäblich unter den Füßen wegbrechen.
Ein wachsender Teil von ihnen beginnt umzudenken: weg von der Monokultur, hin zu Mischkulturen, Bodenaufbau und Diversifizierung. In Deutschland entstehen erste Pilotprojekte für regenerative Landwirtschaft – auch auf großen Flächen. Sie zeigen: Es geht. Aber es braucht Mut, Austausch, finanzielle Sicherheit – und eine Politik, die Wandel möglich macht.
Wissenschaftlicher Rückenwind – z.B. durch den WBGU
Auch auf politischer Ebene mehren sich die Stimmen für einen echten Wandel. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) fordert in seinem Gutachten von 2020 einen tiefgreifenden Umbau des Ernährungssystems – hin zu Regeneration, Gemeinwohl und planetaren Grenzen. Seine Empfehlung: Subventionen konsequent an Nachhaltigkeit und Resilienz koppeln [iii].
„Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in Diversität, Regionalität und sozial-ökologischer Verantwortung.“ – WBGU
Solche Empfehlungen zeigen: Regenerative Landwirtschaft ist kein Nischenmodell – sie ist Teil der notwendigen Transformation. Doch ohne politische Weichenstellung bleibt sie vor allem in der Zivilgesellschaft verankert – und wird vom Staat systematisch übersehen.