Seid mutig! Habt keine Angst vor der Kontroverse.

Foto: Weltladen-Dachverband/Luleyfoto

Autor
FFH Team

Interview mit Gifty Rosetta Amo Antwi, Geschäftsführerin Weltladen-Dachverband

Liebe Gifty, du bist im Dezember 2025 in den Vorstand des Verbands Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe (VENRO) gewählt worden, in dem das FFH und der Weltladen-Dachverband Mitglieder sind. Herzlichen Glückwunsch dazu! Was war die Motivation für deine Kandidatur und welche Akzente möchtest du dort setzen?

Der Faire Handel ist ein zentraler Baustein zivilgesellschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit. Er verbindet wirtschaftliches Handeln mit politischer Verantwortung und stellt Fragen nach Macht, Teilhabe und Gerechtigkeit ins Zentrum. Diese Perspektive möchte ich auch in die Arbeit von VENRO einbringen – insbesondere mit Blick auf strukturelle Ungleichheiten und die Notwendigkeit, rassismuskritische und diskriminierungssensible Ansätze konsequent in der entwicklungspolitischen Arbeit zu verankern. Ich möchte mich außerdem dafür einsetzen, dass unsere Netzwerke und Organisationen vielfältiger, repräsentativer und inklusiver werden. Entwicklungspolitische Arbeit kann nur glaubwürdig sein, wenn sie auch nach innen die Werte lebt, die sie nach außen vertritt.

Wo wir von der deutschen Entwicklungspolitik sprechen… Das BMZ hat sich Anfang des Jahres angesichts großer Kürzungen seiner Etats einer neuen Strategie verpflichtet. Wie beurteilst du diese und wie passt der Faire Handel da rein?

Die Kürzungen treffen uns direkt – gegenüber 2022 sind das 40 Prozent weniger für Entwicklungszusammenarbeit. Was mich noch mehr besorgt als die Zahlen ist die Richtung: Entwicklungspolitik soll zunehmend ein Instrument deutscher Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen werden – Rohstoffsicherung statt Armutsbekämpfung. Fairer Handel ist das Gegenteil dieser Logik. Er fragt nicht „Was nützt uns?", sondern „Was ist gerecht?". Und er liefert etwas, das staatliche Transferleistungen nie können: strukturelle, marktbasierte Einkommenssicherheit für Produzent*innen im Globalen Süden. Wenn öffentliche Mittel wegfallen, brauchen wir umso mehr Handelsstrukturen, die fair sind. Fairer Handel ist kein Nischenprojekt. Er ist ein Beweis, dass Wirtschaft anders geht. Das sollte politisch gestärkt werden – nicht geschwächt. 

Wir sehen derzeit, wie in der EU - maßgeblich vorangetrieben auch von der deutschen Bundesregierung - viele von der Zivilgesellschaft erkämpfte Nachhaltigkeitsstandards abgeschwächt und zurückgenommen werden. Was ist Dein Appell an die vielen Aktiven in den Weltläden, die sich für diese Standards wie das Lieferkettengesetz eingesetzt haben? Wie können wir angesichts des derzeitigen Rollbacks wieder wirksam werden?

Was gerade passiert, ist schmerzhaft – und es ist kein Zufall. Wir sehen einen gezielten Rollback von Standards, für die Menschen jahrelang gekämpft haben. Das EU-Lieferkettengesetz, das Entwaldungsgesetz, die Nachhaltigkeitsberichterstattung – alles steht unter Druck. Mein Appell an die Aktiven in den Weltläden: Lasst euch nicht entmutigen. Der Widerstand gegen diese Standards zeigt, dass sie wirken – sonst würde niemand so hart dagegen kämpfen. Und konkret: Bleibt sichtbar. Weltläden sind nicht nur Verkaufsorte, sie sind politische Orte. Jedes Gespräch mit Kund*innen, jede Aktion, jede Postkarte an Abgeordnete zählt. Wir haben das Lieferkettengesetz nicht in der Berliner Bubble erkämpft, sondern weil Menschen in 900 Läden in ganz Deutschland erklärt haben, warum es wichtig ist. 

Und wie werden wir wieder wirksam? Indem wir aufhören, nur zu verteidigen – und anfangen, offensiv zu erzählen. Nicht „Schaut, was wir verlieren", sondern „Schaut, was möglich ist." Fairer Handel existiert und er funktioniert. Er ist ein guter Beweis, dass gerechte Lieferketten möglich sind. Das ist unser stärkstes Argument und das kann uns keine Abstimmung und kein Rollback nehmen. 

Im September 2026 wird aller Voraussicht nach bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern die AfD erstmals stärkste Kraft und auch im Bund liegt die AfD bei Wahlumfragen derzeit vorne. Was können Weltläden und die Fair-Handels-Bewegung insgesamt angesichts dieses Erstarkens der extremen Rechten in Deutschland tun?

Ich sage das sehr direkt: Die Werte, für die Weltläden stehen – globale Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenwürde unabhängig von der Herkunft – sind unvereinbar mit dem, wofür die extreme Rechte steht. Das ist keine Parteipolitik. Das ist eine Wertefrage.

Was können Weltläden tun? Zunächst das Naheliegendste: Sie können Orte bleiben, die eine andere Erzählung leben. In einer Zeit, in der Nationalismus und Abschottung lauter werden, sind Weltläden physische Beweise, dass globale Verbundenheit funktioniert. Dass hinter jedem Produkt Menschen stehen, die Namen haben, Geschichten haben, Würde haben. Das ist politischer als es klingt.

Und dann: Nicht schweigen. Wir als Bewegung haben in den letzten Jahren gelernt, dass Schweigen keine Neutralität ist – es ist Zustimmung durch Unterlassen. Weltläden können und sollen Haltung zeigen. In Gesprächen mit Kund*innen, in Aktionen oder in Kooperationen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren vor Ort.

Was wir nicht tun sollten: So tun, als wäre das Erstarken der extremen Rechten nur ein Problem der anderen. Es ist auch unser Problem, weil eine Gesellschaft, die sich nach innen und oben abschottet, keine faire Handelspolitik macht. Beides hängt zusammen.

Mein Aufruf: Seid mutig. Habt keine Angst vor der Kontroverse. Weltläden waren nie unpolitisch – und das sollten sie auch jetzt nicht sein.

Liebe Gifty, danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

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