Interview mit Johanna Aigner, Geschäftsführerin der ARGE Weltläden (österreichischer Dachverband zur Förderung, Vernetzung und Professionalisierung der Weltläden)
Österreichs Weltläden trotzen der Einzelhandelskrise
Foto: Dieter Schewig
Liebe Johanna, im Rahmen einer Pressekonferenz am 7. April konntet ihr verkünden, dass die österreichischen Weltläden im Jahr 2025 ihre Umsätze gegenüber dem Vorjahr um 10 % steigern konnten. Das ist ein riesen Erfolg, wenn man sich die Lage des stationären Einzelhandels in Österreich anschaut! Und dieses Wachstum übertrifft auch den österreichischen Biomarkt, der im selben Jahr um 6,5 % zulegte. Was sind die Erfolgsfaktoren der österreichischen Weltläden?
Um das zu erklären, muss ich ein bisschen weiter ausholen. Denn es ist ja nicht von gestern auf heute passiert. Tatsächlich haben wir uns 2024 entschieden zu wachsen. Und das in einer Zeit, wo der Einzelhandel in Österreich in Folge der multiplen globalen Krisen insgesamt sehr schlecht dastand. Viele Geschäfte mussten schließen, entsprechend gab es viel Leerstand in den Innenstädten.
Wir haben in der Pandemie wiederum bewiesen, dass wir ein resilientes Geschäftsmodell haben und uns gefragt, wie sich das ausbauen lässt. Darauf gab es zwei Antworten: zum einen die Stärkung bereits bestehender Weltläden. Wir haben uns die Geschichten des Gelingens herausgesucht und geschaut, wie wir sie weiter stärken, begleiten und vor allem die Nachfolge in den Weltläden sichern können. Und das zweite war, neue Weltläden zu gründen. Wir haben 20 Standorte in Österreich identifiziert, wo Weltläden aufgrund der Lage, Einwohnerzahl und Kaufkraft gut hinpassen würden. 2024 haben wir den ersten Popup-Weltladen in der Bezirkshauptstadt Ried im Innkreis realisiert, wo früher schon ein Weltladen bestand. Das hat geklappt, weil wir die Weltläden in der Region dazu motivieren konnten, sich dort sechs Wochen in einer super Lage temporär zu positionieren, um ihre Lagerbestände zu reduzieren und gemeinsam Marketing zu betreiben. Unser Ziel war natürlich, zu bleiben, was auch geglückt ist! Kurz vor Ende haben wir einen Infoabend veranstaltet, um Menschen zur Gründung eines neuen Weltladens zu motivieren. Dieser wurde am 01.04.2025 neu eröffnet und hat dieses Jahr mit großem Erfolg sein Einjähriges gefeiert. Das gleiche haben wir in Freistadt, in Bregenz Stadt gemacht. In Bregenz und Freistadt sind zwar noch keine neuen Weltläden entstanden, aber die Anbahnung läuft.
Das zweite Erfolgsrezept ist ganz sicher unsere Strategie, die Nachfolge in den Weltläden zu sichern. Aktuell stehen viele Vereine, die über mehrere Jahrzehnte Geschäfte betrieben haben, vor der Herausforderung des personellen Generationswechsels. Für uns als Dachverband ist es wichtig, möglichst jeden Weltladen zu erhalten. Deswegen haben wir Infoabende organisiert, um neue Menschen für eine Tätigkeit in unseren Mitgliedsbetrieben zu begeistern. Das ist uns auch schon in mehreren Städten gelungen. Besonders erfreulich dabei ist, dass jüngere Menschen gefunden werden konnten. Diese Nachfolgesicherung macht sich in den Weltläden schon mit Umsatzsteigerungen von bis zu Prozent bemerkbar.
Mit der Stärkung der bestehenden Weltläden im Rahmen unseres „strategischen Dreischritts“ haben wir schon 2020 begonnen. Zunächst haben wir die Erfolgsfaktoren der 88 Weltläden herausgearbeitet. Zum Beispiel haben wir analysiert, welche Faktoren zu besonders umsatzstarken Jahren geführt haben. Der Dreischritt bestand dann darin, einerseits die Produkt- und Verkaufskompetenz auf der Fläche zu stärken. Das zweite war, den Weltläden eine strategische Prozessbegleitung anzubieten. Die Kolleg*innen vom Weltladen-Dachverband in Deutschland haben dafür mit der Erfolgsfaktoren-Beratung ein tolles Instrument entwickelt, welches wir für den österreichischen Kontext anpassen und nutzen durften. Der dritte Schritt ist die Digitalisierung. Wir haben 2020 gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen eine Weltladen-App entwickelt, die inzwischen von 40 Weltläden für die Kommunikation mit den Kund*innen genutzt wird. Rund 6.000 Menschen in Österreich nutzen sie mit großer Freude, weil sie darüber Wertschätzung bekommen und gut über den Fairen Handel informiert werden.
Das ist ja spannend! Was bietet diese App den Kund*innen und Weltladen-Mitarbeiter*innen?
Das Herzstück dieser App ist der Fair Club, mit dem die Kund*innen Punkte beim Einkauf sammeln und dann von Prämien profitieren können. Die App bietet den teilnehmenden Weltläden aber auch die Möglichkeit, direkt und unaufdringlich mit ihrer Kundschaft zu kommunizieren, zum Beispiel über besondere Aktionen wie zur Fußball-WM. Wir bieten darüber aber auch Gewinnspiele an und damit gezielt Produkte bewerben. Sowohl wir als Dachverband als auch die teilnehmende Weltläden können über die App Content einstellen und verbreiten. Dabei ist uns natürlich wichtig, auch Informationen zu den Menschen hinter den Produkten zu vermitteln. Ein weiterer Vorteil der App sind die wirtschaftlichen Analysemöglichkeiten, die sich aus der Nutzung ergeben. Zudem bieten der Dachverband Fortbildungen an, damit alle Beteiligten stets dazu lernen können, wie sie über die App kommunizieren und deren Möglichkeiten ausschöpfen können. Und natürlich wird sie weiter entwickelt, so dass aktuelle Trends wie der digitale Kassenbon integriert werden können.
Gibt es Besonderheiten im Sortiment der österreichischen Weltläden, die sich besonders positiv entwickelt haben, etwa Fair Trade Produkte aus dem Globalen Norden?
Ja, die gibt es tatsächlich. Und zwar hat die EZA, die größte österreichische Importorganisation, die mit 50 Prozent Produktanteil in den österreichischen Weltläden vertreten ist, dieses Jahr in der dritten Saison Südfrüchte aus solidarischer Landwirtschaft in den Weltläden positioniert. Das ist unfassbar gut angekommen! 71 Prozent der Weltläden beteiligen sich daran, indem sie die Bestellungen für ihre Kund*innen organisieren und informieren, wenn die Früchte da sind. Die Kund*innen müssen ihre Bestellung dann kurzfristig im Laden abholen. Über dieses neue Produktangebot konnten viele neue Kund*innen gewonnen werden. Ebenfalls sehr positiv entwickelt haben sich die regionalen Bioprodukte wie beispielsweise Honig aus dem Bregenzer Wald oder Wein aus dem Burgenland. Weil die Weltläden früher verpflichtet waren, zu 100 Prozent faire Produkte aus dem Globalen Süden anzubieten, mussten wir unsere Kriterien dafür anpassen. Inzwischen ist es den Mitgliedsbetrieben erlaubt, ihr Sortiment um bis zu 15 Prozent mit regionalen Bioprodukten zu ergänzen, was wunderbar funktioniert und ein Zugewinn für die Kund*innen ist.
Gemeinsam mit deiner Kollegin Gerti Jaksch-Fliegenschnee, Obfrau der ARGE Weltläden, hast du dir vorgenommen, die Weltladenbewegung noch bekannter zu machen und weiter zu stärken, um Arbeitsplätze im Handel zu sichern. Wie wollt ihr das erreichen und wo seht ihr in Sachen Ausbau der Kund*innen das größte Potenzial?
Zum einen müssen wir noch offensiver kommunizieren, dass wir extrem hochwertige Produkte in einer großen Vielfalt anbieten. Neue Produkte, die dem Zeitgeist oder Trend entsprechen, spielen bei der Ausweitung der Kundschaft natürlich auch eine Rolle – das Beispiel der Südfrüchte ist ein gutes Beispiel dafür. Aber vor allem geht es darum, dass wir das bereits vorhandene Sortiment noch professioneller und attraktiver in den Läden inszenieren. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die stetige Professionalisierung der rund 1000 Menschen, die in den Weltläden arbeiten. Sie identifizieren sich enorm mit dem Fairen Handel und seinen Zielen, was wunderbar ist. Aber die Arbeit im Einzelhandel ist nicht von ungefähr ein Lehrberuf. Insofern sind wir als Dachverband gefragt, wenn es darum geht, das nötige Know-how auch denen zu vermitteln, die diese Ausbildung nicht durchlaufen haben. Ein Beispiel: Die professioneller Schaufenstergestaltung ist so ein Thema, welches besonders wichtig für die Gewinnung von neuen Kund*innen ist.
Ansonsten bemühen wir uns natürlich auch um mehr Sicht- und Hörbarkeit durch Öffentlichkeitsarbeit. Zum Beispiel haben wir im letzten Jahr erstmalig eine bundesweite Radiokampagne zum Weltladentag durchgeführt. In dieser Richtung wollen wir auch weiter arbeiten. Aber das ganz große Projekt ist sicher die Markenmodernisierung. Die Marke „Weltladen Österreich“ ist 2025 30 Jahre alt geworden. Unser Dachverband feiert 2027 sein 45. Jubiläum. Deswegen brauchen wir ein „Refresh“ und möchten noch stärker herausarbeiten, was uns ausmacht. Denn wir strahlen ganz stark nach innen, aber noch zu wenig nach außen. Es gibt in Österreich noch zu viele Menschen, die die Weltläden kennen und gut finden, aber nicht reingehen. Die Gründe dafür wollen wir herausfinden und somit aus der Nische rauskommen. Der strategische Prozess dafür hat bereits begonnen. Und er ist entscheidend für die Zukunft der Weltläden, denn wir sehen natürlich, dass der Trend zum One-Stop-Shopping und das wachsende Angebot an Fairtrade Produkten im Supermarkt zu Umsatzrückgängen in den Weltläden führen. Noch wird dieser Trend zum Glück durch eine treue und überzeugte Kundschaft aufgefangen.
Ja, diese Herausforderung haben wir auch in Deutschland. Aber mindestens genauso wichtig für die Zukunft der Weltläden ist ja der Generationenwechsel. Was meinst du, wie sich junge Menschen für eine Tätigkeit im Weltladen am besten gewinnen lassen?
Es ist eigentlich recht einfach. Das beginnt schon bei der Bewusstseinsbildung ganz junger Menschen. Wir haben unsere Kampagnenarbeit stark auf den Weltladentag reduziert und sind dann sehr präsent in den regionalen Medien. Ansonsten legen wir einen starken Fokus auf die von den Weltläden organisierte entwicklungspolitische Bildungsarbeit in den Schulen. Manche Weltläden haben in ihrem Team Pädagog*innen, die im Laden Bildungsarbeit anbieten können. Aktuell entwickeln wir einen Bildungskoffer mit zeitgemäßen Materialien für verschiedene Altersgruppen, der perspektivisch allen Mitgliedsbetrieben zur Verfügung gestellt werden soll.
Ansonsten kommt es bei der Gewinnung junger Menschen als Beschäftigte in den Weltläden vor allem auf die Offenheit an, sie gut einzubinden, ihnen Gestaltungsfreiheit und Verantwortung zu geben. Und dann gibt es noch viele jungen Menschen, die einen attraktiven Arbeitsplatz suchen. Und den können wir ihnen bieten, denn meines Erachtens gibt es im Fachhandel kaum schönere Alternativen. Wir bieten nicht nur tolle Produkte und eine sinnstiftende Tätigkeit. Wir haben außerdem sehr angenehme Kund*innen. Allerdings müssen wir diese Arbeitsplätze auch finanzieren und die jungen Menschen gut ausbilden. Nur dann können wir von ihrer Power und ihrem anderen Blick auf die Dinge profitieren. Zudem bringen junge Menschen auch neue Kundengruppen in die Weltläden. Unser Ziel muss also sein, die Weltläden als Arbeitgeber besser zu positionieren.
Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast! Wir wünschen euch ganz viel Erfolg für den begonnenen Strategieprozess und freuen uns, mit euch im Kontakt zu bleiben!
Die ARGE Weltläden ist der österreichische Dachverband zur Förderung, Vernetzung und Professionalisierung der Weltläden. Sie vertritt 88 Standorte in ganz Österreich, hat 1993 Fairtrade Österreich mitbegründet und arbeitet seit fast 50 Jahren für eine Welt, in der Fairer Handel die Regel und nicht die Ausnahme ist. Die Weltläden setzen konsequent auf fair gehandelte Produkte, überwiegend aus biologischer Landwirtschaft. Über 1000 Menschen engagieren sich in den Weltläden: 187 Angestellte (fast alle Teilzeit, überwiegend Frauen) sowie rund 900 Ehrenamtliche – ein einzigartiges Modell im österreichischen Handel.