Menschenrechte und biologische Vielfalt in Gefahr

Autorin
Silke Bölts
Referentin für Klimapolitik und Fairen Handel

Wie die Kampagne #StopEACOP gegen die ostafrikanische Rohöl-Pipeline Lebensgrundlagen, das Klima und die biologische Vielfalt schützt. Ein Interview mit Patience Nabukalu. 

Patience Nabukalu ist Klimagerechtigkeits-Aktivistin aus Uganda. Sie setzt sich für den Schutz der Biodiversität, der Menschenrechte und der Lebensgrundlagen von Gemeinden ein, die durch Projekte im Bereich fossiler Brennstoffe wie die Ostafrikanische Rohöl-Leitung (East African Crude Oil Pipeline (EACOP)) bedroht sind. Sie ist Teil der #StopEACOP-Kampagne und arbeitet eng mit Graswurzelorganisationen und Jugendbewegungen zusammen, um für Klimagerechtigkeit zu kämpfen. Dabei organisiert sie Aktionen, Petitionen, Gemeindedialoge und Sensibilisierungskampagnen, die auf die Ungerechtigkeiten im Zusammenhang mit EACOP aufmerksam machen. 

Worum geht es bei der #StopEACOP-Kampagne?

Die Ölleitung ist ein Megaprojekt, das sich über 1.443 Kilometer von den Ölfeldern Ugandas in Hoima am Albertsee bis zum Hafen von Tanga in Tansania erstrecken soll (siehe Abbildung). Nach ihrer Fertigstellung wäre es die längste beheizte Rohöl-Pipeline der Welt. Auf den ersten Blick werden Projekte wie dieses oft von Regierungen und Unternehmen als „Entwicklung” gefeiert. Für uns – lokale Gemeinschaften, Bäuer*innen, Fischer*innen, Aktivist*innen und Verteidiger*innen unseres Landes – bedeutet es jedoch Zerstörung.

Die Kampagne #StopEACOP ist eine gemeinsame Initiative von lokalen Gemeinden, jungen Aktivist*innen, zivilgesellschaftlichen Gruppen und internationalen Verbündeten, die sich gegen dieses schädliche Projekt einsetzen. Unser Ziel ist es, diese Pipeline zu stoppen, bevor sie irreversible Schäden an unserer Artenvielfalt, unserem Klima und unseren Lebensgrundlagen anrichtet.

Wenn wir die Artenvielfalt zerstören, zerstören wir genau die Systeme, die das Leben der Menschen erhalten.

Patience Nabukalu, Klimagerechtigkeits-Aktivistin aus Uganda

Welchen Einfluss hätte der Bau der Ölpipeline auf die Biodiversität in der Region? 

In Uganda durchquert die Pipeline den Murchison-Falls-Nationalpark, ein Paradies der Artenvielfalt und der größte Nationalpark des Landes mit einem beeindruckenden Wasserfall. Er umfasst mehr als 3.800 Quadratkilometer und beherbergt mehr als 76 Säugetierarten und 451 Vogelarten, darunter Elefanten, Giraffen, Löwen, Leoparden, Krokodile, Nilpferde und den seltenen Schuhschnabelstorch. Der Park generiert außerdem etwa 30 % der Tourismuseinnahmen Ugandas, von denen Tausende von Familien vor Ort leben. Der Bau der Pipeline birgt jedoch die Gefahr, Lebensräume zu zerstören, die Wanderrouten der Wildtiere zu stören und den mächtigen Fluss Viktorianil, der durch den Park fließt, zu verschmutzen.

Weiter südlich bedroht die Pipeline den Viktoriasee, den zweitgrößten Süßwassersee der Welt, den sich Uganda, Tansania und Kenia teilen. Dieser See versorgt mehr als 40 Millionen Menschen mit Fisch, Wasser und Lebensgrundlagen für Gemeinden, die seit Generationen von ihm abhängig sind. Eine einzige Ölverschmutzung könnte das Trinkwasser verunreinigen, die Fischbestände vergiften und die Einkommensquelle Tausender Fischerfamilien zerstören.

Die Risiken enden damit jedoch nicht. Auf ihrer 1.443 Kilometer langen Strecke durchquert die Pipeline viele Flüsse und unzählige Feuchtgebiete und zerschneidet damit empfindliche Ökosysteme, die uns vor Überschwemmungen und Dürren schützen. Außerdem bedroht sie die Lebensräume gefährdeter Arten wie des afrikanischen Elefanten, des Schimpansen und der afrikanischen Goldkatze. Das sind alles Lebewesen, deren Überleben bereits jetzt unter enormem Druck steht.

Diese Wälder, Feuchtgebiete und Wildtiere sind nicht nur Teil der Natur; sie sind unsere Lebensgrundlage. Sie halten unsere Luft sauber, unser Wasser sicher und unser Klima stabil. Wenn wir die Artenvielfalt zerstören, zerstören wir genau die Systeme, die das Leben der Menschen erhalten.

Beim Kampf gegen die Pipeline geht es jedoch nicht nur um die biologische Vielfalt. Es geht vor allem auch darum, die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen zu schützen. Mit der Kampagne fordern wir auch globale Gerechtigkeit und den Schutz der universellen Menschenrechte der Gemeinden vor Ort. Es darf nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden werden. 

Welche Höhepunkte gab es bei deiner Arbeit mit der Kampagne? 

Einer der Höhepunkte dieser Kampagne war es, zu sehen, wie junge Menschen sich wehrten, Plakate malten, farbenfrohe Klimastreiks veranstalteten, Straßenkunst-Proteste organisierten und mutig vor Banken und Versicherungen standen, die fossile Brennstoffe finanzieren. Der Kampfgeist meiner Generation gibt mir Hoffnung.

Wir haben in Frankreich Aktionen am Hauptsitz des Mineralöl-Konzerns TotalEnergies sowie Proteste vor der Jahreshauptversammlung von Total mit verschiedenen Aktivist*innen wie Camille Etienne, und Luisa Neubauer durchgeführt. Ich habe Stimmen aus meinem Land, insbesondere von Betroffenen des Projekts, weitergegeben und konnte mit verschiedenen Medien sprechen, wie z.B. Alamy. Ich habe auch ein Treffen bei der Bonner Klimakonferenz 2023 in Deutschland organisiert, wo wir uns mit Greta Thunberg vom Konferenzort zur Postbank begeben haben, um TotalEnergies zur Einstellung der Finanzierung aufzufordern. Hier hielten verschiedene Personen, darunter auch ich, Reden und forderten die Deutsche Bank und die Postbank auf, die Finanzierung von EACOP einzustellen. 

Außerdem traf ich Bankvorstände. Greta Thunberg und ich konnten zum Beispiel die EACOP-Petition an den Vorstandsvorsitzenden der Credit Agricole Bank in Paris übergeben und sie auffordern, die Finanzierung von Total Energies einzustellen, wenn dieses Unternehmen am Bau der Pipeline festhält. 

Das Ergebnis ist, dass bis heute etwa 43 Banken und 30 Versicherungen erklärt haben, dass sie das EACOP-Projekt nicht unterstützen werden. Banken wie Standard Chartered und Sumitomo Mitsui Banking Corporation haben ihre Unterstützung zurückgezogen, nachdem sie zunächst eine Finanzierung des Projekts in Betracht gezogen hatten. 

Gab es auch Herausforderungen? 

Auf jeden Fall, denn sich gegen mächtige Ölkonzerne und Regierungen auszusprechen, birgt Risiken. Aktivist*innen wurden eingeschüchtert, verhaftet und zum Schweigen gebracht. Manchmal fühlt es sich an, als würden wir gegen Giganten antreten. Aber selbst wenn unsere Stimmen stocken, weigern wir uns, aufzuhören, uns gegen Banken, Versicherungsgesellschaften und alle Komplizen auszusprechen, die die Klimakrise vorantreiben.

Ich glaube an die Kraft kollektiven Handelns und generationsübergreifender Verantwortung, um eine gerechte und nachhaltige Welt zu schaffen. Mein Traum ist es, dass die Geschichte Afrikas nicht als eine der Ausbeutung, sondern als eine der Widerstandsfähigkeit und Hoffnung erzählt wird.

Patience Nabukalu, Klimagerechtigkeits-Aktivistin aus Uganda

Inwiefern stellt der Bau der Ölpipeline eine koloniale Kontinuität dar? 

Seit Jahrhunderten wird Afrika als ein Kontinent betrachtet, aus dem man Ressourcen gewinnen kann: Gold, Elfenbein, Sklaven, Kaffee, Baumwolle und jetzt Öl. Unternehmen und ausländische Investoren entscheiden nach wie vor über unsere Zukunft, während unsere Bevölkerung unter den Folgen zu leiden hat.

Dieses Projekt ist nicht für uns. Es wird von ausländischen Akteuren wie TotalEnergies in Frankreich und Banken und Versicherungen, die Tausende von Kilometern entfernt sind, vorangetrieben und finanziert, während gewöhnliche Ugander*innen und Tansanier*innen ihre Häuser, ihre Farmen und ihre Heimat verlieren.

Die Gemeinden zahlen den Preis, da sie gewaltsam vertrieben werden, ihre Lebensgrundlage zerstört wird und sie ihr Land verlieren. Familien, die einst ein gutes Auskommen hatten, sind nun mit Unsicherheit und Hunger konfrontiert, ihre Kinder gehen nicht mehr zur Schule. Unsere Flüsse, Wälder und Wildtiere, das Herzstück unserer Identität, werden für Profite geopfert, die uns niemals zugutekommen werden.

Realität ist, dass wir dieses Öl gar nicht brauchen.Die Welt nutzt die fossilen Brennstoffe bereits zu viel, um uns garantiert in das Klimachaos zu stürzen. Wenn das EACOP-Projekt umgesetzt wird, könnte es jedes Jahr 34 Millionen Tonnen CO₂ in die Atmosphäre bringen und uns so noch weiter von der 1,5-Grad-Grenze entfernen und die Gefahr mit sich bringen, die 2-Grad-Schwelle zu überschreiten; ein Punkt, der laut Wissenschaftler*innen einen irreversiblen Klimakollaps auslösen wird.

Die globale Ungerechtigkeit wird unbestreitbar, wenn man sich vor Augen führt, dass das aus unserem Boden geförderte Öl nicht einmal für Afrikaner*innen bestimmt ist. Es wird in den Globalen Norden verschifft, während wir mit Umweltverschmutzung, Vertreibung und Klimachaos zurückbleiben.

Doch ich glaube an die Kraft kollektiven Handelns und generationsübergreifender Verantwortung, um eine gerechte und nachhaltige Welt zu schaffen. Mein Traum ist es, dass die Geschichte Afrikas nicht als eine der Ausbeutung, sondern als eine der Widerstandsfähigkeit und Hoffnung erzählt wird.

Hast du eine Bitte an die Lesenden dieses Textes?

Die Geschichte Afrikas muss nicht von Pipelines, Umweltverschmutzung und Profit für wenige geprägt sein. Sie kann auch eine Geschichte von sauberer Energie, blühender Artenvielfalt und Gerechtigkeit für alle sein. Aber dafür müssen wir jetzt handeln.

Ich rufe Sie, wo auch immer Sie dies lesen, dazu auf, sich uns anzuschließen. Erheben Sie Ihre Stimme. Weigern Sie sich zu schweigen. Helfen Sie mit, die Geschichte Afrikas neu zu schreiben, damit es nicht länger als Opfer globaler Ungerechtigkeiten gilt. Schließen Sie sich der globalen #StopEACOP-Bewegung an, indem Sie Petitionen unterzeichnen, an Protesten teilnehmen und Informationen online teilen.

Üben Sie Druck auf Ihre Banken, Pensionsfonds und Versicherungen aus, damit diese die Finanzierung fossiler Brennstoffe einstellen.

Schreiben Sie politischen Entscheidungsträgern und fordern Sie sie auf, sich gegen EACOP zu stellen.

Unterstützen Sie Aktivist*innen in Uganda und Tansania, die alles riskieren, um unser Land und unsere Zukunft zu schützen.

Jede noch so kleine Solidaritätsbekundung trägt zu einer größeren Welle des Wandels bei.

Weitere Informationen zur Kampagne finden Sie hier.

Cookies & Drittinhalte

Tracking (Matomo)
Google Maps
Videos (YouTube und Vimeo)

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Die Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden.

Alle akzeptieren Speichern Alle ablehnen