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Kooperation zwischen Vorreitern

Kleber Cruz und Andreas Pingo Felsen mit Kaffeesäcken

Foto: GEPA – The Fair Trade Company/K. Henkel

Jonas Lorenz
Autor
Jonas Lorenz
Referent für Grundsatzsfragen des Fairen Handels, Forum Fairer Handel

GEPA – The Fair Trade Company und das Quijote-Kaffee-Kollektiv aus Hamburg haben mit X-Roast eine einzigartige Zusammenarbeit im Kaffeesektor gestartet. Das Ergebnis ist ein gemeinsamer Kaffee – importiert von der GEPA und geröstet von Quijote Kaffee.

GEPA und Quijote Kaffee – zwei ungleiche Akteure mit gemeinsamen Zielen

Doch wer genau findet hier eigentlich zusammen? Die GEPA, das müssen wir hier nicht lange beschreiben, ist eine Pionierin des Fairen Handels und Europas größtes Fair-Handels-Unternehmen. Seit 1975 handelt die GEPA direkt mit Produzent*innenorganisationen im Globalen Süden und hat mittlerweile über 160 Handelspartner weltweit – darunter allein 44 Kaffee-Kooperativen in 14 Ländern.

Quijote Kaffee, als Kollektiv organisiert, gilt in der Specialty-Coffee-Szene als Vorbild für direkten Handel und Transparenz. So veröffentlicht die Rösterei sowohl Einkaufspreise als auch die Löhne der eigenen Mitarbeiter*innen und die Röstprofile ihrer Kaffees.

Im Ansatz und der Art der Handelsbeziehungen gibt es viele Überschneidungen zwischen beiden Unternehmen, denn Quijote Kaffee hat die Kernprinzipien des Fairen Handels für sich übernommen: Das Kollektiv arbeitet ausschließlich mit kleinbäuerlichen Kooperativen, führt langfristige Handelsbeziehungen, die auf eine gemeinsame Entwicklung ausgelegt sind, ist bei allen Handelspartnern jährlich vor Ort, finanziert die Rohkaffees mit 60 % des Preises zinsfrei vor und zahlt hohe Mindestpreise für Spezialitätenkaffees. Aber, und das ist der große Unterschied: Quijote Kaffee ist nicht zertifiziert (die Kooperativen, mit denen das Unternehmen zusammenarbeitet, jedoch schon) und vertreibt seine Kaffees nicht im "klassischen Fairen Handel", sondern im Spezialitätensegment über den eigenen Online-Shop.

Die Fakten zur Kooperation

Für das gemeinsame Projekt der beiden Fair-Handels-Unternehmen hat Kleber Cruz, Einkaufsmanager der GEPA, drei Rohkaffees in Spezialitätenqualität (min. 84 Punkte auf der Skala der Specialty Coffee Association) von langfristigen Handelspartnern der GEPA ausgewählt. Die drei Bio-Arabica-Kaffees stammen von Sol y Café (Peru), COSURCA (Kolumbien) und der Basisgruppe Taramesa aus dem Kooperativenverband Sidama Coffee Farmers Cooperative Union (Äthiopien). Eingekauft wurden die vier Tonnen Rohkaffee für durchschnittlich 2,71 Dollar pro Libra (FOB) – ein Einkaufspreis, der nicht nur transparent kommuniziert wird, sondern auch weit oberhalb der Fairtrade-Mindestpreise liegt. Geröstet wurde der Kaffee bei Quijote Kaffee auf einem 30 kg Trommelröster.

Zu kaufen gibt es den Kaffee unter dem Namen X-Roast über die Weltläden sowie im Online-Shop der GEPA und Quijote Kaffee als Filterkaffee und als Espresso.

Die handwerklich gerösteten Sorten "X-Roast Espresso Dark" und "X-Roast Coffee Blond" von der GEPA und Quijote Kaffee
Die handwerklich gerösteten Sorten "X-Roast Espresso Dark" und "X-Roast Coffee Blond" von der GEPA und Quijote Kaffee. Foto: GEPA – The Fair Trade Company/C. Schreer

Die Produzent*innen stehen im Fokus

Lange haben sich Fairer Handel und Spezialitätenkaffeeröster kritisch beäugt und in weiten Teilen ist das auch heute noch so. Umso besser, dass mittlerweile einige Akteure, allen voran Kleber Cruz (GEPA) und Andreas "Pingo" Felsen (Quijote Kaffee) die Gemeinsamkeiten betonen und miteinander kooperieren. Im Fokus stehen dabei für beide Akteure die Produzent*innen: "Ohne den Fairen Handel z.B. der GEPA wäre es für die Kaffeegenossenschaften nicht möglich gewesen, die Rohkaffees für die heutigen Spezialitätenkaffees zu produzieren. Fairer Handel hat die Grundlage dafür gelegt, dass Kleinbauernkooperativen heute solche Qualitäten produzieren, und er zeigt, was sie leisten können", so Felsen.

Auch Javier Dominguez, Exportmanager der peruanischen Kaffeegenossenschaft Sol y Café, ist von der Kooperation überzeugt: "Wir freuen uns sehr über dieses Projekt. Qualität verstehen wir umfassend, nicht nur sensorisch, sondern auch als soziale und ökologische Qualität. Die Produzent*innen werden auf dem Markt noch präsenter. Durch Fairen Handel bekommt unser Kaffee ein Gesicht."

Ein Modell für die Zukunft

Für Kooperativen wie Sol y Café und COSURCA ist das Projekt ein Modell für die Zukunft. Sie könnten noch viel mehr Rohkaffee in Spezialitätenqualität liefern, denn dieser macht ca. 30 % ihrer Produktion aus. Dies sei kein Zufall, meint Kleber Cruz, der schon seit Anfang der Nullerjahre mit den Kooperativen arbeitet: "Mit Unterstützung der GEPA haben die Kaffee-Kleinbauerngenossenschaften aus Lateinamerika und Afrika in der langfristigen Zusammenarbeit viel in Qualitätsentwicklung investiert. Das konnten sie nur über die Beratung und die Mehrpreise des Fairen Handels. Früher gab es bei unseren Partnerorganisationen keine "Q-Grader", also geprüfte Kaffee-Sensorik-Expert*innen. Jetzt laden wir sie regelmäßig zu Verkostungsschulungen in unser Kaffeelabor ein, vor Corona in Präsenz, inzwischen auch digital."

Weil die Kooperativen stetig weiterwachsen und mehr Kaffee in herausragenden Qualitäten liefern, sind sie ständig auf der Suche nach neuen, verlässlichen Abnehmern und neuen Märkten. Das haben sowohl Quijote Kaffee als auch die GEPA erkannt und versuchen, ihre Handelspartner beim Finden von neuen Absatzmöglichkeiten zu unterstützen. So bietet Quijote Kaffee Co-Importe an und gibt Rohkaffee an über 60 Kleinröstereien in Deutschland ab. Die GEPA geht sogar noch einen Schritt weiter und ist in den Handel mit fair gehandeltem Rohkaffee eingestiegen. Mittlerweile vertreibt das Unternehmen schon über 120 Tonnen pro Jahr, mit noch viel Potenzial nach oben.

Immer mehr Röstereien, insbesondere neu gegründete inhaber*innengeführte Unternehmen, legen Wert auf nachhaltige Produkte, haben oft aber nicht die Möglichkeiten oder das Wissen, um selbst Handelsbeziehungen zu etablieren. "In Deutschland gibt es ca. 1.000 Röstereien und sicherlich 50 bis 100 von ihnen würden gerne Kaffee von einer so vertrauenswürdigen Organisation wie der GEPA kaufen", schätzt Felsen von Quijote Kaffee. Denn dass die GEPA ein absolutes Vorbild für Fairen Handel und die entsprechenden Handelsbeziehungen ist, wissen viele. Mit den Kaffees des Projekts X-Roast, so schreibt es Quijote auf seiner Website, "tritt die GEPA den Beweis an, dass von ihr importierte Kaffees auch qualitativ ganz oben mitspielen können."

Diesen Aspekt betont auch Kleber Cruz. Seiner Ansicht nach seien qualitativ hochwertige Kaffees in ausreichender Menge vorhanden und können von Kleinröstern sackweise bei der GEPA bestellt werden. Außergewöhnliche Qualitäten (Microlots) kann die GEPA importieren, sobald ein Käufer feststeht.

Eigentlich könnten also noch viel mehr Röstereien fair gehandelte Spezialitätenkaffees einkaufen und das tun, was sie am besten können: Leckere Kaffees rösten, direkt und lokal vertreiben und dazu eine gute Geschichte erzählen.

Kooperation statt Konkurrenz

Für Kooperationen zwischen Fair-Handels-Unternehmen und im Bereich Nachhaltigkeit engagierten Spezialitätenröstern besteht enormes Potenzial. Mit dem Rohkaffeehandel hat die GEPA ein neues Geschäftsfeld im Fairen Handel etabliert, das Produzent*innenorganisationen neue Absatzwege ermöglicht. Doch auch darüber hinaus gibt es spannende Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Akteuren, z.B. bei gemeinsamen Projekten zur Steigerung von Kaffeequalitäten oder nachhaltigem Anbau.

Derartige Kooperationsmöglichkeiten zwischen Unternehmen, die der Stärkung ihrer Handelspartner und den dahinterstehenden Produzent*innen verpflichtet sind, beschränken sich natürlich keinesfalls auf den Kaffeesektor. Das beweisen unter anderem das traditionsreiche Fair-Handels-Unternehmen EL Puente und Folkdays als "Unternehmen für zeitgenössisches Fair Trade Design" in ihrem gemeinsamen B2B-Projekt: Gemeinsam bieten sie eine kuratierte Auswahl handgefertigter, fair produzierter Schmuckstücke, Accessoires sowie Interior-Produkte für den deutschen wie auch europäischen Handel an. Dafür arbeiten sie mit Kunsthandwerker*innen, kleinen Familienbetrieben und lokalen Fair-Handels-Organisationen aus Afrika, Asien und Lateinamerika zusammen, die traditionelle Techniken mit zeitgenössischem Design verbinden.

Die Beispiele zeigen: Es besteht ein enormes Potenzial für Innovation, wenn sich engagierte Unternehmen zusammentun! Neben neuen Absatzmöglichkeiten für Produzent*innen können so auch neue Zielgruppen erschlossen werden. Wir dürfen gespannt sein, welche Kooperationen in Zukunft geknüpft werden und wie sich bestehende Projekte weiterentwickeln!