Kleine Produzent*innen und Biodiversität: Unsichtbare Akteure in der Klimapolitik

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Autorin
Deyra Acevedo

Deyra Acevedo aus Nicaragua ist Projektmanagerin bei der Planting Change Foundation und spezialisiert auf territoriale Entwicklung und nachhaltige Strategien für vulnerable Gemeinschaften. Mit einem Abschluss in Angewandter Wirtschaftswissenschaft und einem Diplom in Projektmanagement unterstützt sie ländliche Produzent*innen und Jugendliche durch Projekte in den Bereichen Agrarökologie und Klimawandel. Ihre Erfahrungen führten zu Funktionen beim Klimanetzwerk Lateinamerika (CANLA) und dem Jugendleitungsprogramm der Welternährungsorganisation (FAO), wo sie sich für nachhaltige Ernährungssysteme einsetzt.

Hüter*innen der Artenvielfalt 

Kleinbäuer*innen sind das Herzstück der Ernährungssysteme. Dennoch werden sie in der globalen Klimapolitik als Empfänger*innen und nicht als Protagonist*innen gesehen. Ihr Lebensunterhalt hängt von den Nährstoffen im Boden und vom Regen ab. Wenn diese durch extreme Wetterereignisse gestört werden, sind sie die ersten, die Ernten und damit auch Einkommen verlieren. So manifestiert sich der Klimawandel durch Verluste und Schäden für diejenigen, die die Felder bestellen, aber keine Ernte einfahren können.

Im ländlichen Nicaragua ist diese Realität greifbar. „Niemand verdient Geld mit der Landwirtschaft. Man kann davon nicht leben“, sagt Santiago, ein 65-jähriger Bauer, der für seine Familie Bohnen und Mais anbaut. Seine Erträge haben sich nach Jahrzehnten des Einsatzes von Agrochemikalien halbiert. Er fordert Gerechtigkeit: fruchtbaren Boden und faire Märkte. Seine Stimme spiegelt ein strukturelles Problem wider: Eine Landwirtschaft, die den Planeten ernährt, aber ihre Bäuer*innen hungern lässt.

In regenabhängigen Volkswirtschaften wie der Nicaraguas bedeutet Resilienz eine Umstellung der Landwirtschaft auf Biodiversität. Gemeinschaftliche Saatgutbanken mit einheimischen Sorten sind eines der wirksamsten Anpassungsinstrumente. Diese Banken sichern Saatgut, das widerstandsfähiger gegen Dürren und starke Regenfälle ist, und garantieren so Ernährungssouveränität bei gleichzeitiger Erhaltung der genetischen Vielfalt. 

Agrarökologie ist hier keine Ideologie, sondern ein Konzept des Überlebens, das täglich praktiziert wird. Das Kurkuma-Projekt der Planting Change Foundation veranschaulicht diesen Wandel. Dreißig Produzent*innen, davon 70 % Frauen, bauen neben Grundnahrungsmitteln auch Kurkuma an, verzichten dabei auf Agrochemikalien und regenerieren den Boden. „Früher musste ich die Gemeinde verlassen, um Arbeit zu finden, denn es gab keine Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jetzt kann ich hierbleiben, Lebensmittel ernten und ein Einkommen erzielen, ohne meine Familie zu verlassen“, sagt die 34-jährige Marta. Ihre Geschichte zeigt, dass Anpassung und Biodiversität voneinander abhängige Strategien für Resilienz sind.

Diese Beispiele belegen, was globale Politik nach wie vor ignoriert: Anpassung beginnt im Boden, nicht in Verhandlungsräumen. Doch während diese Gemeinschaften handeln, diskutiert die internationale Politik weiterhin über Landwirtschaft, als wären die Bäuer*innen nicht anwesend.

Landwirtschaft & COP30

Die Klimakonferenzen (COPs) sind die jährliche Bühne für Klimaverhandlungen. Von Koronivia über Sharm el-Sheikh bis nach Dubai hat das Thema Ernährung in der Klimapolitik stetig an Bedeutung gewonnen. Bereits 2017 schuf die Koronivia-Roadmap (COP23) die Voraussetzungen für eine eingehendere Betrachtung der Landwirtschaft in den Klimaverhandlungen. Fünf Jahre später wurde auf der COP27 die Sharm el-Sheikh Joint Work on Implementation of Climate Action on Agriculture and Food Security“ ins Leben gerufen, die den Fokus von der Diagnose auf das Handeln verlagerte. Damit wurde Raum geschaffen, um Agrarökologie, systemische Ansätze und die Mittel zur Umsetzung – Finanzen, Technologie und Kapazitätsaufbau – in die Diskussion einzubeziehen, ebenso wie die Frage, wie die Lebensmittelproduktion in nationale Klimapläne integriert werden können.

Bei der COP28 standen Ernährungssysteme nicht mehr am Rande, sondern waren in den Mittelpunkt der Debatte gerückt. Die Erklärung der Vereinigten Arabischen Emirate zu Landwirtschaft und Ernährungssystemen, die 2023 von über hundert Ländern unterzeichnet wurde, markierte einen Wendepunkt. Nun richten sich die Erwartungen auf die COP30 in Brasilien, wo die Landwirtschaft zu den sechs Prioritäten der „Aktionsagenda“ gehört. Die Zivilgesellschaft erwartet von der COP30, dass sie eine transformative Landwirtschaft vorantreibt: hin zu regenerativen und agroökologischen Praktiken, mit Schutz der indigenen Gebiete, der Kleinbäuer*innen und der Führungsrollen von Frauen. Auch Klimagerechtigkeit wird gefordert: die Auseinandersetzung mit historischen Wiedergutmachungen, Landrechten und inklusiver Teilhabe.

Dennoch bleibt eine große Schuld bestehen: Kleinbäuer*innen haben selten eine Stimme in Entscheidungsgremien. Theoretisch sollten Gruppen wie die Interessengruppe der Landwirt*innen bei den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen die Stimmen der Kleinbäuer*innen in den Gremien stärken. In der Praxis werden die Gremien jedoch von Agrarverbänden dominiert, die die Sprache der Finanz- und Kohlenstoffmärkte sprechen, nicht die Sprache von Dürren, Schädlingen oder Schulden. Sie debattieren über „Anpassungsrahmen“, während die Produzent*innen Böden wieder regenerieren, die durch industrielle Systeme erodiert wurden. Aber ist es realistisch, von einem Landwirt oder einer Landwirtin zu erwarten, dass sie oder er es zur Weltklimakonferenz schafft? Wahrscheinlich nicht. Reisekosten, Englischkenntnisse und Fachjargon sind fast unüberwindbare Hindernisse. Hier sollten Netzwerke der Kleinbäuer*innen eine repräsentative Rolle übernehmen. Die unangenehme Frage ist jedoch, ob sie dies tatsächlich tun (können): In zu vielen Fällen reproduzieren diese Gremien die gleiche Dynamik der Ausgrenzung und privilegieren diejenigen, die über bessere Kontakte oder Ressourcen verfügen.

Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit ländlichen Gemeinschaften habe ich gesehen, dass politische Maßnahmen, die die materiellen Realitäten der Produktion ignorieren, scheitern - egal wie ambitioniert die Erklärungen auch klingen mögen. Die Anpassung an die Klimakrise muss von Grund auf definiert werden. Alles andere reproduziert dieselben Ungleichheiten, die die internationalen Klimakonferenzen zu lösen vorgeben.

Der fortbestehende Kolonialismus

Hier verbirgt sich eine tiefere Struktur, ein als Fortschritt getarntes koloniales System: Wer kontrolliert das Saatgut, wer schöpft den Wert und wer trägt die Kosten der Klimakrise?

Nirgendwo wird dies deutlicher als in den Kaffee- und Kakaoketten Nicaraguas. Kleinbäuer*innen exportieren Tonnen von Rohbohnen, doch der größte Teil des Wertes wird in Europa und Nordamerika abgeschöpft. Ein*e Kakaobäuer*in an der Karibikküste verdient etwa 2 Dollar pro Kilo, während Schokolade aus denselben Bohnen – biologisch, fair gehandelt und ohne Gentechnik – im Ausland für ein Vielfaches dessen verkauft werden kann. Diese Diskrepanz ist kein Zufall, sondern Absicht.

Die Wurzeln reichen tief. In den 1950er Jahren führte die von den USA unterstützte Ausweitung des Baumwollanbaus in Nicaragua zur Vertreibung von Kleinbäuer*innen, zur Verschlechterung der Böden und zur Abhängigkeit von Agrochemikalien, wodurch die Eliten des Landes reich wurden. Wie René, ein älterer Bauer, sagte: „Monokulturen entziehen dem Boden Nährstoffe und geben nichts zurück; sie verdrängen Wälder, Flüsse und sogar Menschen.“ Dieses Modell, das aus der sogenannten „Grünen Revolution“ hervorgegangen ist (Iánez, 2007; Romero, 2012), führte Monokulturen und Pflanzengifte als Symbole der Modernisierung ein. Ohne teure Chemikalienpakete brachen die Erträge ein ebenso wie die Fähigkeit der Bäuer*innen, ihre Schulden zurückzuzahlen (Ceccon, 2008). Dieser Kreislauf der Abhängigkeit verstärkte die Verwundbarkeit des ländlichen Raums und ebnete den Weg für transgene Samen, die als Innovation präsentiert wurden, aber dieselbe Kontrolle und Ausgrenzung reproduzierten.

Der moderne Kolonialismus besteht weiterhin in Form von Patenten, Krediten und Handelsabkommen. Ein System, in dem externe Wirtschaftsmächte natürliche Ressourcen ausbeuten, Marktregeln auferlegen und lokale Volkswirtschaften globalen Wertschöpfungsketten unterordnen. Was einst mit Gewehren durchgesetzt wurde, wird heute mit Schulden und Abhängigkeit erzwungen.

Der faire Handel versuchte, dieses Ungleichgewicht zu beheben. In Nicaragua haben Kaffee-Kooperativen in Matagalpa und Jinotega Zugang zu besseren Preisen und Sozialprämien erhalten, mit denen sie Schulen oder Kindergärten finanzieren. An der Karibikküste profitieren Kakaoproduzenten von etwas höheren Einkommen. Allerdings bleiben Probleme bestehen: Die Zertifizierungskosten schließen viele Familien aus und ein Großteil der Wertschöpfung bleibt weiterhin im Ausland. Kleine Produzenten an der Karibikküste, die Teil des Fairen Handels sind, erzielen zwar bessere Einkommen, exportieren aber nach wie vor hauptsächlich Rohbohnen, ohne vom Wert der fertigen Schokolade zu profitieren. Wenn sich die Gewinne anderswo konzentrieren, können Kleinbäuer*innen nicht in Boden-, Wasser- oder Waldbewirtschaftung investieren. 

Ein Aufruf zum Handeln

Anstatt darüber nachzudenken, wie wir aktuelle Modelle „nachhaltiger“ gestalten können, müssen wir überlegen, wie wir neue Modelle schaffen können, die die biologische Vielfalt wertschätzen. Die Frage ist nicht mehr, wie wir extraktive Modelle „nachhaltiger“ gestalten können, sondern wie wir sie durch Modelle ersetzen können, die Leben erhalten. Wir sollten nicht nach dem „Profit“ fragen, sondern „wie viel reicht einer Gemeinschaft, um gut in einem lebendigen Wald zu leben“.

Es war leicht, die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung zu übersehen, und das muss sich ändern. Bei der Vorbereitung der 30. Weltklimakonferenz müssen sich die politischen Entscheidungsträger*innen einer Realität stellen: Anpassung kann nicht ausgelagert werden. Sie beginnt dort, wo Nahrungsmittel angebaut werden. Die Regierungen sollten die bäuerliche Landwirtschaft und die Agrarökologie in ihre nationalen Klimaschutzbeiträge (NDCs) einbetten, nicht als Nebenprojekte, sondern als nationale Prioritäten, die durch öffentliche Mittel finanziert werden. Geldgeber*innen und Nichtregierungsorganisationen müssen aufhören, Top-down-Programme zu entwerfen, und stattdessen mit Produzent*innen zusammenarbeiten, die ihre Ökosysteme besser kennen als alle Berater*innen es jemals könnten. 

Und schließlich dürfen Sie, liebe Leser*innen und Bürger*innen, nicht vergessen, dass die Klimakrise jeden Tag gelebt wird und dass jetzt gehandelt werden muss.

Quellen:

Publikationen zum Thema
Forum Fairer Handel (2025):

Biologische Vielfalt und Fairer Handel

Forum Fairer Handel (2025):

Kompass Fairer Handel: "Biologische Vielfalt und Fairer Handel"

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