Kaffeeproduzent*innen wünschen sich vor allem Stabilität

Interview mit Anne Löwisch, Geschäftsführerin der MITKA (Mittelamerikanische Kaffee Im- und Export GmbH) 

FFH: Die Kaffeepreise sind in den letzten Monaten stark gestiegen und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Was sind die Hauptursachen für diese Entwicklung?

Anne Löwisch: Es haben mehrere Faktoren dazu beigetragen. Zum einen ist der weltweite Kaffeekonsum angestiegen. Das liegt auch daran, dass die Nachfrage in Ländern wie China und Indien, wo der Kaffeekonsum bislang weniger ausgeprägt war, stetig wächst. Gleichzeitig macht der Klimawandel vielen Kaffeeproduzent*innen sehr zu schaffen, weil dadurch die Produktionsmengen sinken. In Kombination mit den niedrigen Preisen der letzten Jahre hat es dazu geführt, dass das Einkommen oft nicht ausgereicht hat und Produzent*innen sich entweder ganz vom Kaffeeanbau abgewandt haben oder eine zusätzliche Einkommensquelle gefunden haben, wodurch weniger Zeit für den Kaffeeanbau blieb. Entsprechend sind die Produktionsmengen weiter gesunken. In dieser Situation mit historisch niedrigen Lagerbeständen in den beiden größten Anbauländern von Robusta-Kaffee – Brasilien und Vietnam – haben extreme Wetterbedingungen zu großen Ernteeinbußen geführt. Dadurch war der Markt extrem angespannt und der Preis ist stark gestiegen. Ein weiterer Faktor für Nervosität auf dem globalen Kaffeemarkt war die Zollpolitik der USA. 

FFH: Was bedeutet diese Hochpreisphase für die Kooperativen in Mittelamerika, von denen die MITKA den Kaffee bezieht?

Anne Löwisch: Zunächst sind die hohen Preise eine gute Nachricht für Produzent*innen. Alle Handelspartner haben mir bestätigt, dass die Preise, die sie ihren Mitgliedern zahlen werden, deutlich höher sind als im letzten Jahr. Sie können den Kaffeeproduzent*innen zwischen 42 und 50 Prozent mehr auszahlen. Das ist schon sehr schön und ist bei den Kooperativen, mit denen wir zusammenarbeiten, bereits spürbar. 

“Die hohen Kaffeepreise haben sich positiv auf das Leben der Produzenten ausgewirkt. Man kann den Enthusiasmus beobachten, mit dem die Kaffeeparzellen gepflegt und neue Flächen bepflanzt werden. Und man kann bei einigen Produzenten auch die Verbesserungen an ihren Wohnhäusern sehen.”

Marcos Odanis Duarte Castillo, Geschäftsführer der Kooperative UCA Tierra Nueva R.L in Nicaragua

Die Hochpreisphase ist jedoch mit großen Herausforderungen und Risiken für die Kooperativen verbunden. Vor allem brauchen sie mehr Betriebskapital. Sie kaufen den Kaffee ja von ihren Mitgliedern auf und müssen die Verarbeitung bezahlen. Auch die damit verbundenen Kosten sind massiv gestiegen. Die Kooperativen benötigen also wesentlich mehr Kapital, was aber nicht einfach zu beschaffen und dann auch mit hohen Kosten in Form von Zinsen verbunden ist. Leider deckt die Vorfinanzierung, die der Faire Handel leistet, nicht alles ab, weil viele Kooperativen eben nicht alles an den Fairen Handel oder zu fairen Handelsbedingungen verkaufen. Wenn sie ihren Kaffee auf dem konventionellen Markt anbieten, müssen sie in diesem Jahr vergleichsweise enorme Geldmengen vorstrecken, was sehr problematisch für die Kooperativen ist. Einige Handelspartner berichten zudem, dass sich aufgrund der hohen Preise auch das Kaufverhalten vieler Kunden (Röster und Importeure) verändert hat. Da auch diese höhere Summen bezahlen müssen, kalkulieren sie bis zuletzt, welche Mengen an Kaffee wirklich benötigt werden und hoffen, dass der Weltmarktpreis wieder sinkt. Entsprechend werden die Kaufverträge aktuell häufig erst wenige Tage, bevor der Kaffee tatsächlich verschifft wird, abgeschlossen. Dadurch gibt es weniger Planungssicherheit für die Kooperativen und es kann schnell zu finanziellen Schieflagen kommen. Denn die meisten Kooperativen kaufen den Kaffee von ihren Mitgliedern Tag für Tag zum jeweils aktuellen Preis. Wenn dann aber die Verträge für diesen über mehrere Monate aufgekauften Kaffee erst kurz vor der Verschiffung zum aktuellen Weltmarktpreis abgeschlossen werden, kann das für die Kooperative gut oder schlecht sein. Ist der Preis inzwischen gestiegen, freut sich die Kooperative über eine Mehreinnahme. Ist er jedoch gesunken, kann das existenzgefährdende Auswirkungen für sie haben. Die Geschäftsführung einer Kooperative muss in diesen Zeiten extrem gut austarieren, wie viel Kaffee sie zu welchem Preis kauft, was sie den Mitgliedern zahlt oder was sie ihnen bis dahin in Aussicht stellt, um den Kaffee auch zu bekommen. Keine einfache Aufgabe, wenn noch nicht ganz klar ist, wieviel Kaffee zu welchem Preis weiterverkauft wird. Ich höre immer wieder von den Geschäftsführer*innen, dass sie in dieser Zeit nicht ruhig schlafen können. Das ist auch ein Grund, weshalb wir von der MITKA den durchschnittlichen Börsenpreis während der ganzen Erntezeit berechnen, um die Preisentwicklung besser zu reflektieren. 

Das klingt wirklich herausfordernd, aber es gibt noch mehr Entwicklungen, die den Kooperativen die Planung erschweren, korrekt? 

Ja, zu den Herausforderungen für die Kooperativen kommen noch massive Störungen im Containerverkehr hinzu. Es kommt derzeit immer wieder zu Krisen, die die Schifffahrt beeinträchtigen. So ist derzeit schwerer abzusehen, wann der Kaffee tatsächlich verschifft wird. Nicht selten liegt die Ware im Hafen bereit, die Kooperative möchte den Kaufpreis festlegen, aber die Verschiffung wird immer wieder verschoben. Entsprechend müssen die Kooperativen weiter Zinsen für die aufgenommenen Kredite bezahlen. Denn solange der Kaffee nicht auf dem Schiff ist, wird er nicht bezahlt. 

Generell müssen die Kaffeekooperativen in diesen Zeiten einen besonders engen Kontakt mit ihren Mitgliedern pflegen. Deren Führungsteam muss die Kaffeebäuer*innen sehr häufig besuchen und transparent informieren, um dafür zu sorgen, dass die Mitglieder den Kaffee auch wirklich bei der Kooperative abliefern. Denn in diesen Zeiten bekommen sie auch vermeintlich attraktive Angebote von anderen Ankäufern wie den so genannten „Kojoten“. Meist zahlen die Kooperativen bessere Preise, aber dafür bekommen die Bäuer*innen ihr Geld auf dem „Straßenmarkt“ umgehend ausgezahlt, was angesichts von häufig geringen oder nicht vorhandenen Rücklagen willkommen sein kann. In solchen Hochpreisphasen erweist sich, wie wichtig gute und verlässliche Beziehungen innerhalb der Kooperative und zu den Importeuren sind. Ersteres, damit die Mitglieder wissen, dass sie immer zuverlässig von der Kooperative bezahlt worden sind und Preise erhalten haben, die über dem „Straßenpreis“ liegen. Die Beziehung zwischen den Importeuren und den Kooperativen muss ebenfalls stabil und sehr zuverlässig sein, weil dann die Kooperative weiß, welche Mengen abgenommen werden und dass pünktlich bezahlt wird. Wiederum können wir als Importeure uns dann auch darauf verlassen, dass der gewünschte Kaffee geliefert wird, was in unserem Fall geklappt hat, obwohl im vergangenen Zyklus im Mittelamerika insgesamt geringere Mengen geerntet wurden.

Insbesondere in Nicaragua haben die Produzent*innen zwar einen hohen Preis für ihren Kaffee bekommen haben, aber für eine geringere Menge. Der zurückliegende Erntezyklus hat entsprechend Chancen geboten, aber auch sehr viele Risiken mit sich gebracht. Er hat den Produzent*innen immerhin den Spielraum verschafft, dass sie sich von den schlechten Preisen der letzten Jahre erholen können. Das heißt, dass sie Kredite zurückzahlen und Investitionen in ihre Kaffeefelder machen können. Allerdings relativiert sich der Geldsegen insofern noch mehr, als dass die Lebenshaltungskosten in Kaffeeregionen auch steigen, wenn die Bäuer*innen mehr Geld für ihre Ernte bekommen. 

Kannst du einschätzen, wie viel von dem aktuell sehr hohen Weltmarktpreis bei Kaffeebäuer*innen im konventionellen Handel ankommt?

Nach meinem Eindruck ist da schon was angekommen. Denn die „Straßenpreise“ sind gegenüber dem Vorjahr klar gestiegen. Dennoch lagen sie unter dem Weltmarktpreis und auch unter dem, was die Kooperativen letztendlich ihren Mitgliedern auszahlen werden. Man muss wissen, dass auch die Straßenpreise für Kaffee – wie der Börsenpreise – enorm volatil sind. Zudem werden in Gegenden, in denen sehr viel Kaffeehandel betrieben wird, höhere Preise gezahlt, weil da mehr Wettbewerb herrscht. Dann gibt es wiederum Regionen, wo kaum Aufkäufer hinkommen. In solchen Gegenden müssen die Kaffeebäuer*innen ihren Kaffee erstmal relativ weit transportieren und verdienen entsprechend weniger. Das trifft auf die nicht leicht erreichbare Gegend Pueblo Nuevo in Nicaragua zu, wo wir Kaffee von der Kooperative Guardabarranco kaufen. Dort haben die Produzent*innen von Biokaffee sehr gute Preise erzielt, aber einige Mitglieder mussten den konventionell angebauten Kaffee auf der Straße verkaufen und haben dafür keinen guten Preis erzielen können. Sie gehen davon aus, dass die Exporteure den höheren Gewinn erzielen. 

In Nicaragua versichern die Kooperativen, dass sie den hohen Weltmarktpreis zuverlässig an ihre Mitglieder weitergeben. Sie meinen jedoch, dass die transnationalen Unternehmen das nicht unbedingt machen. Deren Preise lagen zum Teil sehr weit unter dem New Yorker Börsenpreis. Meine Gesprächspartner vor Ort gehen davon aus, dass sie in diesem Jahr Kapital akkumulieren wollen, also zu eher niedrigen Preisen einkaufen und hochpreisig verkaufen, um dann im nächsten Jahr zu spekulieren und zu versuchen, den Kooperativen Konkurrenz zu machen. Tatsächlich gibt es „Kaffeejahre“, in denen aus unerfindlichen – oder zumindest nicht durch den Weltmarktpreis abgedeckten Gründen – die transnationalen Unternehmen bzw. deren Aufkäufer plötzlich höhere Preise zahlen als die Kooperativen. Das ist der Versuch, die Kooperativen aus dem Markt zu drängen. 

Wird Kaffee Mittelfristig wieder ein Luxusprodukt?

Wir müssen uns zumindest darauf einstellen, dass die Kaffeepreise höher bleiben, als wir das gewohnt sind. Eine wesentliche Ursache dafür ist der Klimawandel. Es wird immer wieder extreme Wetterbedingungen geben, die Ernten vernichten oder zumindest Ernteeinbußen verursachen. Letztendlich war der Kaffeepreis in den letzten Jahren viel zu niedrig. Im Fairen Handel gibt es nicht von ungefähr einen Mindestpreis. Eigentlich ist der aktuelle Preis aus Sicht der Erzeuger*innen angemessen. Aber es gibt auch hierzulande viele Menschen, die durchaus Wert auf guten fair gehandelten Kaffee legen, aber Schwierigkeiten mit den Preisen haben, die wir jetzt aufrufen müssen. Insofern betonen auch die Kooperativen immer wieder, dass wir ein gutes Gleichgewicht finden müssen, damit die Produzent*innen genug kriegen, die Infrastruktur der Kooperativen erhalten bleibt und es gleichzeitig für die Konsument*innen vertretbar ist. Dennoch muss man klar sagen: Wenn die Preise wieder auf das Niveau vom letzten Jahr oder gar tiefer sinken, ist kein nachhaltiger Kaffeeanbau möglich. Es wäre nicht ausreichend, um die Kaffeefelder angemessen zu bewirtschaften. Dadurch würden die Erträge weiter sinken, Pflanzenkrankheiten auftreten und die nächste Krise im Kaffeeanbau wäre da. 

Was brauchen eure Handelspartner von Seiten der Politik, des Fairen Handels und der Verbraucher*innen, um angesichts der Klimakrise eine Zukunftsperspektive im Kaffeeanbau zu behalten?

Unsere Handelspartner wünschen sich vor allem Stabilität. Sie haben große Sorgen, dass kleinere Unternehmen wie die MITKA, die ihnen korrekte Preise bezahlen, möglicherweise pleitegehen. Auch die vertrauensvollen Handelsbeziehungen, die wir ihnen bieten, sind für die Kooperativen ganz wichtig, weil wir ihnen Planungssicherheit geben. Außerdem wünschen sie sich mehr Absatz über den Fairen Handel. Das wird immer wieder betont, weil die meisten Kooperativen nicht den kompletten Kaffee zu fairen Konditionen oder an Fair-Handels-Unternehmen verkaufen können. Diese beiden Punkte werden meist mehr betont als der Wunsch nach hohen Preisen. Auch hier steht der Wunsch nach Planungssicherheit im Vordergrund, denn die Preisschwankungen auf dem Weltmarkt machen den Kaffeebäuer*innen das Leben schwer. 

“Wir hoffen auf eine Stabilisierung der Preise mit Gewinnspannen, die es uns ermöglichen, die tatsächlichen Produktionskosten zu decken, die Erträge unsere Mitglieder zu verbessern und den Erzeugerfamilien ein würdiges Leben zu garantieren. Über den Preis hinaus vertrauen wir darauf, dass der Markt für Kaffee, der auf nachhaltige, rückverfolgbare und sozial gerechte Weise produziert wird, weiter wächst. Wir hoffen auch, dass die europäischen Abnehmer die Anstrengungen anerkennen, die wir unternehmen, um die neuen Vorschriften einzuhalten, und dass sich dieses Engagement in stabileren und gerechteren Handelsbeziehungen niederschlägt.“ 

Silvia Dinora González Rugama, Präsidentin der Kooperative UCA Miraflor R.L., Nicaragua

Was die Politik angeht, wünschen sie sich, dass die hohen Aufwände und Kosten, die ihnen durch neue Nachhaltigkeitsregulierungen entstehen, nicht alleine auf ihre Schultern abgewälzt werden. Ein Beispiel dafür ist die EU-Richtlinie für Entwaldungsfreie Lieferketten, die natürlich begrüßenswert ist, aber in der Umsetzung sehr zulasten der Produzent*innen im Globalen Süden geht. Die Kooperativen müssen durch neue gesetzliche Anforderungen zusätzliche Personalkosten für Dokumentationen, für die Einrichtung von Datenbanken, für die Schulung ihrer Mitglieder und Mitarbeiter*innen oder etwa die Vermessung von Feldern stemmen. Für diesen Aufwand erhalten sie jedoch keine finanzielle Kompensation. Diese Verordnungen werden eben sehr von europäischer Seite gedacht aber passen weniger zu den Lebensrealitäten der Produzent*innen. 

Unsere Handelspartner wünschen sich außerdem finanzielle Unterstützung für die hohen Kosten und den zusätzlichen Aufwand, den sie durch die Anpassung an den Klimawandel tragen. Um einen nachhaltigen Kaffeeanbau auch in Zukunft zu gewährleisten, bräuchte es Projektfördergelder für die Anpassungsphase. Das gilt auch für die Entwicklung von neuen Einkommensquellen bzw. deren Diversifizierung. Wünschenswert wäre auch, dass die CO₂ Einsparungen durch den Bio-Kaffeeanbau kompensiert würden. Insgesamt wünschen sie sich mehr Wertschätzung für die wachsenden Anstrengungen, die sie im – ohnehin sehr arbeitsintensiven – Kaffeeanbau leisten. Zum Beispiel werden ihre Beiträge zum Umweltschutz durch Aufforstungsmaßnahmen im Bioanbau oder die Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel und die Umsetzung neuer Standards und Vorschriften der EU zu wenig anerkannt. 

Liebe Anne, wir danken dir für das spannende Interview und dafür, dass du im Vorfeld deine Handelspartner ausführlich befragt hast, um die aktuelle Lage vor Ort schildern zu können. 

Publikation zum Thema
Forum Fairer Handel (2025):

Aktuelle Entwicklungen im Fairen Handel

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