Fair? Läuft… aber in kleinen Schritten! Warum wir trotzdem mehr Druck für globale Gerechtigkeit brauchen

Foto: Angelika Zinzow
Autor
Matthias Fiedler
Geschäftsführer Forum Fairer Handel

Hinweis: Dieser Beitrag ist in der Broschüre “Aktuelle Entwicklungen im Fairen Handel 2025” erschienen, die das FFH im Rahmen ihrer Jahrespressekonferenz im Juli 2025 herausgegeben hat.

Zuerst die gute Nachricht: Die Branchenzahlen des Fairen Handels für das Jahr 2024 haben sich positiv entwickelt. Sowohl der Umsatz als auch die Absatzzahlen bei wichtigen Fair-Handels-Produkten verzeichnen einen Anstieg. Die Befürchtungen von einem Abwärtstrend haben sich nicht bestätigt. Das zeigen auch viele Umfragen unter Verbraucher*innen: Nachhaltigkeit und Fairness sind den Menschen – zumindest, wenn sie befragt werden – wichtig. Hoffnung macht vor allem die Generation Z, die schon sehr bald für einen größeren Teil der Haushaltseinkäufe zuständig sein wird. Auch dort ist die Nachfrage nach nachhaltigen und fairen Lebensmitteln hoch. 

Fortschritte ja, aber in Tippelschritten 

Schaut man aber auf den gesamten Markt, bleibt es bei der Erkenntnis: Der Faire Handel bewegt sich nur sehr langsam aus der Nische heraus. So sind nur sechs von hundert Tassen Kaffee fair gehandelt. Und ein Mensch in Deutschland gibt – entgegen aller Aussagen in Befragungen – im Durchschnitt nur etwa so viel für fair gehandelte Produkte im Jahr aus wie ein besserer Restaurantbesuch kostet: 31 Euro.

Es gibt die Fortschritte, aber auf das Große und Ganze bezogen, sind diese Schritte viel zu klein. Für den Fairen Handel heißt das, er muss weiter Konsument*innen davon überzeugen, dass es zu fairen Produkten keine Alternative gibt und damit die Nachfrage steigern. Aber angesichts der Weltlage und des Anspruchs des Fairen Handels, aktiv die sozial-ökologische Wende mitzugestalten, ist das nicht genug. Dazu muss der Faire Handel politisch wirksamer werden. 

Baustelle politische Rahmenbedingungen

Sind wir dem erklärten Ziel näher gekommen, politische Rahmenbedingungen so zu verändern, dass die Grundsätze des Fairen Handels in Wirtschaft und Gesellschaft integriert worden sind? Ich würde sagen: Ja, sind wir. Noch vor kurzem waren Kernthemen des Fairen Handels wie Klimagerechtigkeit, globale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Marktmacht sowohl im politischen Feld als auch in der Gesellschaft wichtige Themenfelder. Auch wenn diese umkämpft waren und Fortschritte immer langwierig ausgehandelte Kompromisse darstellten, gab es doch Erfolge, die wir feiern konnten: Das deutsche Lieferkettengesetz wurde verabschiedet und auch auf EU-Ebene gab es im Zuge des Green Deals große Fortschritte im Bereich Regulierungen für Nachhaltigkeit und menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen, wie die Verabschiedung des EU-Lieferkettengesetzes (CSDDD-Richtlinie). Wichtige Gesetzesvorhaben, um Marktmacht zu begrenzen und unfaire Handelspraktiken von Unternehmen in Agrar- und Lebensmittellieferketten zu verbieten, wurden auf den Weg gebracht. Kurz und gut: Wenn auch oft in kleinen Schritten, es ging in die richtige Richtung.

Fortschritte der letzten Jahre stehen unter Druck

Aber leider stehen viele dieser positiven Entwicklungen derzeit unter großem Druck. Auch wenn sicher nicht alle Erfolge rückgängig gemacht werden können, beobachten wir bei vielen Kernthemen des Fairen Handels den Versuch, Erreichtes zurückzudrehen. Verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln im Einklang mit Menschenrechten und Umweltschutzstandards wird als zu bürokratisch und zu aufwendig betitelt. Das deutsche und europäische Lieferkettengesetz sind durch sich verschärfende Deregulierungsforderungen in Gefahr, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und wirkungslos zu werden. Das gilt auch für andere Regulierungen im Bereich Nachhaltigkeit, wie etwa jene zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Im Diskurs um Wettbewerbsfähigkeit scheint auch für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften kein Platz mehr zu sein. Dieser Diskurs verkennt, dass Nachhaltigkeitsstandards mit Blick auf die vielfältigen sozialen und ökologischen Krisen kein zu vernachlässigendes „Nice to have“ mehr sein dürfen und dass eine zu hohe Machtkonzentration in Lieferketten am Ende nur für sehr wenige in unserer Gesellschaft ein gutes Geschäft sein wird. Ohne ein konsequentes Umsteuern zu einer sozial und ökologisch nachhaltigeren Produktionsweise werden sich existierende Krisen weiter verschärfen. Zudem werden etliche Sektoren nicht mehr zukunftsfähig sein.

"Ein EU-Lieferkettengesetz, das den Schutz von Menschenrechten und Umwelt zur verbindlichen Grundlage unternehmerischen Handelns macht, ist ein entscheidender Schritt hin zu einer fairen, nachhaltigen und zukunftsfähigen Marktwirtschaft. Als vergleichsweise kleines Unternehmen in der Schokoladenbranche, das sich konsequent auf die Herstellung von Schokoladenprodukten mit zertifiziertem Kakao (Bio, Fairtrade, Naturland, Rainforest Alliance) spezialisiert hat und Nachhaltigkeit ganzheitlich lebt, begrüßen wir eine realistisch umsetzbare und alle betroffenen Parteien ausreichend mit einbeziehende gesetzliche Regelung ausdrücklich. Es stärkt all jene Unternehmen, die bereits heute Verantwortung übernehmen – und sorgt dafür, dass soziale und ökologische Standards nicht länger ein Wettbewerbsnachteil sind.

Die Einhaltung von Menschenrechten in globalen Lieferketten darf keine freiwillige Option sein – sie braucht verbindliche, kontrollierbare und sanktionierbare Regeln, die für alle Wirtschaftsakteure gleichermaßen gelten."

(c) Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG
Jelena Radeljić, Nachhaltigkeitsbeauftragte von Weinrich Schokolade

Zukunftsfähige (Land-)Wirtschaft muss gestärkt werden 

In der Landwirtschaft – etwa im Kaffeesektor – steht die Frage im Raum, wieviel Kaffee zukünftig ohne Maßnahmen für einen besseren Umwelt- und Klimaschutz oder bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen für die Bäuer*innen noch angebaut werden kann. Zwar ist der Kaffeepreis derzeit auf einem Allzeithoch, doch bleibt er volatil und die Produktionskosten haben sich in Folge von Inflation und Klimakrise fast verdoppelt. Auch die starke Machtkonzentration sowohl bei den Kaffeehändlern und -röstern als auch am Ende der Lieferketten im deutschen Lebensmitteleinzelhandel geht zu Lasten der Kaffeekooperativen und ihrer Mitglieder. Aufgrund ihrer großen Abhängigkeit von den Abnehmern sind sie häufig gezwungen, auch unvorteilhafte Vertragskonditionen hinzunehmen. Häufig können sie keine oder nicht alle Kostenerhöhungen weiterreichen.

Die Frage der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit stellt sich auch für andere Bereiche der (Land-)Wirtschaft. Viele Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht und stehen hinter verbindlichen Regeln für menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten. Das zeigt die Umfrage „LKSG und CSDDD im Realitätscheck“ des Jaro Instituts für Nachhaltigkeit und Digitalisierung unter 1.350 Wirtschaftsentscheider*innen in Deutschland. Vorreiterunternehmen wie jene im Fairen Handel haben sich vom deutschen und kommenden EU-Lieferkettengesetz ein stärkeres Level-Playing-Field erhofft. Denn gerade, weil sie ihre Kosten nicht auf die Gesellschaft abwälzen, sondern im Einklang mit sozialen und ökologischen Aspekten wirtschaften, haben sie enorme Wettbewerbsnachteile. Dabei müssten vor allem gemeinwohlorientierte Unternehmen gestärkt werden.

Rechtsruck und Entsolidarisierung

Hinzu kommt ein gesellschaftliches Klima, das zunehmend von einem Rechtsruck geprägt ist. Abschottung wird als einfache Lösung für die Vielfachkrisen suggeriert. Massive Einschränkungen in der Migrationspolitik und eine Entsolidarisierung mit Menschen im Globalen Süden sowie Beschränkung auf nationalstaatliche Interessen sind die Folge. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung enthält zwar ein Bekenntnis, dass entwicklungspolitische Zusammenarbeit wertegeleitet sein muss. Das ist gut. Allerdings zeigt sich vor allem im Vergleich zum letzten Koalitionsvertrag, dass Entwicklungspolitik deutlicher auf die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands zugeschnitten werden soll. Eine solche Ausrichtung an nationalen Interessen führt aber gerade im Kampf gegen Hunger, Armut und Ausbeutung zu einer aus entwicklungspolitischer Perspektive unwirksamen Prioritätensetzung. Hinzu kommt, dass die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit mit Verweis darauf, dass der Haushalt konsolidiert werden müsse, in den letzten Jahren immer weiter abgesenkt wurden. Angesichts einer Rekordzahl von Kriegen, Armut und Hunger ist dies Sparen an falscher Stelle. Ohne globale Gerechtigkeit werden sich die weltweiten Krisen für alle weiter verschärfen. Als reiches Land, das stark von der globalen Wirtschaftsarchitektur profitiert, muss Deutschland Verantwortung übernehmen und seinen Beitrag für mehr globale Gerechtigkeit zahlen. Dies umso mehr, da andere Geberländer wie die USA ihre Finanzierung für Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit stark gekürzt haben. 

Erreichtes verteidigen und Alternativen stärken

Die Liste ließe sich verlängern, die Reaktion darauf kann aber nicht sein, dies einfach hinzunehmen. Deshalb wird es in den nächsten Jahren darum gehen, das bisher Erreichte zu verteidigen und neue Wege der Kommunikation, der Kooperationen, der Ansätze zu wagen. Wir müssen zentrale Aspekte wie Menschenrechte, globale Gerechtigkeit und Solidarität wieder in das Zentrum der Debatte stellen. Dazu braucht es eine starke Zivilgesellschaft und belastbare Bündnisse derer, die für Vielfalt, Menschenrechte und globale Klimagerechtigkeit kämpfen. Dazu kann auch der Faire Handel seinen Beitrag leisten: In starken Bündnissen mit anderen Bewegungen, aber auch dadurch, dass er immer wieder Lösungen aufzeigt, wie faires und nachhaltiges Wirtschaften möglich ist. In einem Diskurs, der sich von diesen Werten immer mehr zu entfernen droht, sind solche Orte der Zukunftsfähigkeit und des Gelingens absolut notwendig. Denn wenn nicht-nachhaltige Wirtschaftsformen an ihr Ende kommen, brauchen sie bereits aufgebaute Lösungen, um zu zeigen, wie es anders gehen kann. Oder um es mit der portugiesischen Utopieforscherin Fátima Vieira zu sagen: “Man kann sich von dem Anspruch trennen, die perfekte Gesellschaft zu definieren. Es reicht, Alternativen zum Gegenwärtigen zu entwickeln, als Widerstandsnester.”

Publikation zum Thema
Forum Fairer Handel (2025):

Aktuelle Entwicklung im Fairen Handel 2025

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