Hinweis: Dieser Beitrag ist in der Broschüre “Aktuelle Entwicklungen im Fairen Handel 2025” erschienen, die das FFH im Rahmen ihrer Jahrespressekonferenz im Juli 2025 herausgegeben hat.
Zuerst die gute Nachricht: Die Branchenzahlen des Fairen Handels für das Jahr 2024 haben sich positiv entwickelt. Sowohl der Umsatz als auch die Absatzzahlen bei wichtigen Fair-Handels-Produkten verzeichnen einen Anstieg. Die Befürchtungen von einem Abwärtstrend haben sich nicht bestätigt. Das zeigen auch viele Umfragen unter Verbraucher*innen: Nachhaltigkeit und Fairness sind den Menschen – zumindest, wenn sie befragt werden – wichtig. Hoffnung macht vor allem die Generation Z, die schon sehr bald für einen größeren Teil der Haushaltseinkäufe zuständig sein wird. Auch dort ist die Nachfrage nach nachhaltigen und fairen Lebensmitteln hoch.
Fortschritte ja, aber in Tippelschritten
Schaut man aber auf den gesamten Markt, bleibt es bei der Erkenntnis: Der Faire Handel bewegt sich nur sehr langsam aus der Nische heraus. So sind nur sechs von hundert Tassen Kaffee fair gehandelt. Und ein Mensch in Deutschland gibt – entgegen aller Aussagen in Befragungen – im Durchschnitt nur etwa so viel für fair gehandelte Produkte im Jahr aus wie ein besserer Restaurantbesuch kostet: 31 Euro.
Es gibt die Fortschritte, aber auf das Große und Ganze bezogen, sind diese Schritte viel zu klein. Für den Fairen Handel heißt das, er muss weiter Konsument*innen davon überzeugen, dass es zu fairen Produkten keine Alternative gibt und damit die Nachfrage steigern. Aber angesichts der Weltlage und des Anspruchs des Fairen Handels, aktiv die sozial-ökologische Wende mitzugestalten, ist das nicht genug. Dazu muss der Faire Handel politisch wirksamer werden.
Baustelle politische Rahmenbedingungen
Sind wir dem erklärten Ziel näher gekommen, politische Rahmenbedingungen so zu verändern, dass die Grundsätze des Fairen Handels in Wirtschaft und Gesellschaft integriert worden sind? Ich würde sagen: Ja, sind wir. Noch vor kurzem waren Kernthemen des Fairen Handels wie Klimagerechtigkeit, globale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Marktmacht sowohl im politischen Feld als auch in der Gesellschaft wichtige Themenfelder. Auch wenn diese umkämpft waren und Fortschritte immer langwierig ausgehandelte Kompromisse darstellten, gab es doch Erfolge, die wir feiern konnten: Das deutsche Lieferkettengesetz wurde verabschiedet und auch auf EU-Ebene gab es im Zuge des Green Deals große Fortschritte im Bereich Regulierungen für Nachhaltigkeit und menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen, wie die Verabschiedung des EU-Lieferkettengesetzes (CSDDD-Richtlinie). Wichtige Gesetzesvorhaben, um Marktmacht zu begrenzen und unfaire Handelspraktiken von Unternehmen in Agrar- und Lebensmittellieferketten zu verbieten, wurden auf den Weg gebracht. Kurz und gut: Wenn auch oft in kleinen Schritten, es ging in die richtige Richtung.
Fortschritte der letzten Jahre stehen unter Druck
Aber leider stehen viele dieser positiven Entwicklungen derzeit unter großem Druck. Auch wenn sicher nicht alle Erfolge rückgängig gemacht werden können, beobachten wir bei vielen Kernthemen des Fairen Handels den Versuch, Erreichtes zurückzudrehen. Verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln im Einklang mit Menschenrechten und Umweltschutzstandards wird als zu bürokratisch und zu aufwendig betitelt. Das deutsche und europäische Lieferkettengesetz sind durch sich verschärfende Deregulierungsforderungen in Gefahr, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und wirkungslos zu werden. Das gilt auch für andere Regulierungen im Bereich Nachhaltigkeit, wie etwa jene zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Im Diskurs um Wettbewerbsfähigkeit scheint auch für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften kein Platz mehr zu sein. Dieser Diskurs verkennt, dass Nachhaltigkeitsstandards mit Blick auf die vielfältigen sozialen und ökologischen Krisen kein zu vernachlässigendes „Nice to have“ mehr sein dürfen und dass eine zu hohe Machtkonzentration in Lieferketten am Ende nur für sehr wenige in unserer Gesellschaft ein gutes Geschäft sein wird. Ohne ein konsequentes Umsteuern zu einer sozial und ökologisch nachhaltigeren Produktionsweise werden sich existierende Krisen weiter verschärfen. Zudem werden etliche Sektoren nicht mehr zukunftsfähig sein.