Lucio Cálix Nicolas von COMBRIFOL (Honduras) war während der Fairen Woche 2026 fast zwei Wochen in Deutschland unterwegs und hat auf unterschiedlichen Veranstaltungen über seine Arbeit und seine Erfahrungen mit dem Fairen Handel berichtet. Im Blogbeitrag berichtet er, welchen Einfluss der Klimawandel auf die Kaffeeproduktion in Honduras hat – und wie er darauf reagiert:
„Der Klimawandel ist eine Realität, die wir jeden Tag erleben.“
"Ich bin Lucio Cálix Nicolas, Produzent von Spezialitätenkaffee und interner Inspektor für Bio-Zertifizierung bei der Cooperativa Mixta Brisas de La Frontera (COMBRIFOL) in Marcala im Departamento La Paz, Honduras.
Meine Arbeit verbindet zwei Welten: Ich bewirtschafte meine eigene Kaffeefarm und kontrolliere zugleich die Farmen anderer angeschlossener Produzentinnen und Produzenten, um zu überprüfen, ob sie die Standards des ökologischen Anbaus erfüllen. Dadurch habe ich einen besonderen Blick auf die Situation: Ich erlebe den Klimawandel von beiden Seiten."
WIE BEMERKST DU DIE AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS IN HONDURAS?
"In Honduras und insbesondere in den Bergen von La Paz befinden wir uns im sogenannten Trockenkorridor. Der Klimawandel ist hier keine Prognose mehr, sondern eine Realität, die wir jeden Tag erleben. Die deutlichsten Auswirkungen sind:
- Unvorhersehbare Regenfälle: Die Regen- und Trockenzeiten haben sich verschoben. Die sogenannte Canícula, die Trockenperiode im Juli und August, dauert inzwischen länger und fällt heftiger aus. Und wenn es regnet, dann oft in Form sintflutartiger Regenfälle, die den Boden erodieren und die Ausbreitung von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten begünstigen.
- Steigende Temperaturen: In den höheren Lagen der Bergregion von La Paz, die früher einen gewissen Schutz vor Schädlingen und Krankheiten boten, herrschen inzwischen Temperaturen, die die Ausbreitung von Roya (Kaffeerost) und Broca del café (Kaffeekirschenkäfer, auch: Kaffeebohrer) begünstigen.
- Länger anhaltende Dürren: Die Trockenzeiten werden immer trockener. Das beeinträchtigt die Wasserquellen und die Ausbildung der Kaffeebohnen.
- Häufigere Extremereignisse: Hurrikanes wie Eta und Iota (2020) haben Schäden hinterlassen, von denen wir uns bis heute erholen – darunter Erdrutsche und die Zerstörung von Infrastruktur im Kaffeeanbau.
Als Inspektor sehe ich das bei jedem Besuch bestätigt: Die Produzentinnen und Produzenten berichten von Blütezeiten außerhalb der üblichen Saison, unregelmäßigen Ernten und Erträgen, die nicht mehr mit denen von vor zehn Jahren vergleichbar sind."
WELCHE FOLGEN HAT DAS FÜR DEINE ARBEITS- UND PRODUKTIONSPROZESSE?
"Der Klimawandel wirkt sich unmittelbar auf die Kaffeeproduktion aus:
- Unregelmäßige Blüte: Regenfälle außerhalb der normalen Saison führen zu sogenannten „florones“, also zusätzlichen bzw. unregelmäßigen Blühschüben. Dadurch können sich an ein und demselben Zweig gleichzeitig Blüten, grüne Kaffeekirschen und reife Früchte befinden. Das erschwert die selektive Ernte, die bei Spezialitätenkaffee unerlässlich ist.
- Höherer Schädlingsdruck: Kaffeerost und Kaffeebohrer treten zunehmend auch in größeren Höhenlagen auf. Deshalb müssen wir die Pflanzen häufiger kontrollieren.
- Schwankende Erträge: Die Produktionsmenge schwankt stark, was die wirtschaftliche Planung der Farm erschwert.
- Wasserstress: Bei den Pflanzen beeinträchtigt der Wassermangel die Ausbildung der Bohnen. Auch für die Kaffee-Aufbereitung nach der Ernte (Nassaufbereitung) wird Wasser benötigt benötigt, während die Quellen in der Trockenzeit weniger Wasser führen."
WELCHE MASSNAHMEN ERGREIFST DU, UM DICH AN DIE VERÄNDERTEN BEDINGUNGEN ANZUPASSEN?
"Sowohl auf meiner eigenen Farm als auch bei den Empfehlungen, die ich als Inspektor gebe, setzen wir konkrete Strategien um:
1. Boden- und Wassermanagement
- Wir legen lebende und feste Barrieren gegen Erosion an und ergreifen Maßnahmen, um Wasser besser zurückzuhalten.
- Wir verwenden Bodenbedeckung durch Pflanzen, um den Boden vor Erosion zu schützen und die Feuchtigkeit zu erhalten.
- Wir schützen und renaturieren die Wasserquellen auf den Farmen.
2. Diversifizierte Agroforstsysteme
- Wir ergreifen vielfältige Beschattungsmaßnahmen, die die Temperatur regulieren und die Kaffeepflanzen vor intensiver Sonneneinstrahlung schützen.
- Wir kombinieren den Kaffeeanbau mit anderen Kulturen, etwa Bananengewächsen und Zitrusfrüchten, um die Einkommensquellen der Produzentinnen und Produzenten breiter aufzustellen.
3. Widerstandsfähige Sorten
- Wir erneuern die Kaffeebestände mit Sorten, die widerstandsfähiger gegen Kaffeerost und Trockenheit sind.
4. Intensivere Überwachung
- Als Inspektor habe ich die Zahl der Kontrollbesuche erhöht, damit Schädlinge erkannt werden, bevor sie sich weiter ausbreiten.
- Wir setzen Fallen gegen die Broca (Kaffeebohrer) ein und führen auf den Farmen eine grundlegende Überwachung der klimatischen Bedingungen durch."
HILFT DIR DER FAIRE HANDEL DABEI, MIT DIESER SITUATION UMZUGEHEN?
"Ja, auf jeden Fall. Der Faire Handel ist für uns in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Verbündeter im Umgang mit dem Klimawandel:
- Garantierter Mindestpreis: Wenn die Marktpreise aufgrund weltweiter Überproduktion oder klimabedingter Krisen einbrechen, gibt uns der Fairtrade-Mindestpreis eine wirtschaftliche Absicherung, die uns dabei hilft, den Kaffeeanbau nicht aufgeben zu müssen.
- Fairtrade-Prämie: Die zusätzlichen Mittel, die wir als Genossenschaft erhalten, investieren wir in Projekte zur Anpassung an den Klimawandel: in den Kauf von Pflanzen, Schulungen zu ökologischen Anbaumethoden, wassersparende Infrastruktur für die Nassaufbereitung, Bildungsstipendien sowie in die institutionelle Stärkung von COMBRIFOL, um die Organisation langfristig und nachhaltig führen zu können.
- Zugang zu differenzierten Märkten: Handelspartner, die Wert auf Fairen Handel legen, suchen zugleich nach nachhaltig produziertem Kaffee. Das motiviert uns, an unseren ökologischen Anbaumethoden sowie am Schutz von Umwelt, Flora und Fauna festzuhalten.
- Stärkung der Organisation: Das Genossenschaftsmodell ermöglicht es uns, Wissen miteinander zu teilen, Betriebsmittel günstiger einzukaufen und den klimatischen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen – Herausforderungen, die ein einzelner Produzent allein nicht bewältigen könnte.
Bei COMBRIFOL war die Fairtrade-Prämie von entscheidender Bedeutung, um Farmen wiederaufzubauen, die von den Folgen des Klimawandels betroffen waren. Gleichzeitig konnten wir damit die Umstellung weiterer Produzentinnen und Produzenten sowie die Erneuerung von Bio-Zertifizierungen finanzieren."
Wir bitten nicht um Almosen. Wir bitten um faire Partnerschaften, die den Wert unserer Arbeit anerkennen und es uns ermöglichen, weiterhin den Spezialitätenkaffee zu produzieren, den die Welt sucht.
WAS WÜRDEST DU BRAUCHEN, UM DIESER SITUATION NOCH BESSER BEGEGNEN ZU KÖNNEN?
"Um unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel zu stärken, benötigen wir Unterstützung in vier zentralen Bereichen:
1. Zugang zu Klimafinanzierung
- Zinsgünstige Kredite oder nicht rückzahlbare Fördermittel, um überalterte Kaffeebestände durch widerstandsfähigere Sorten zu erneuern.
2. Technologie und Informationen
- Für Kleinproduzentinnen und Kleinproduzenten zugängliche Frühwarnsysteme für Wetterrisiken und Schädlingsbefall.
- Kontinuierliche Schulungen in Agroforstwirtschaft und klimasmarter Landwirtschaft.
3. Ländliche Infrastruktur
- Eine Verbesserung der Zufahrtsstraßen zu den Kaffeeanbaugemeinden. Nach extremen Wetterereignissen sind diese Gemeinden oft die ersten, die von der Außenwelt abgeschnitten werden.
- Effiziente Infrastruktur für die Nassaufbereitung, die den Wasserverbrauch reduziert und die belasteten Prozessabwässer der Kaffeeaufbereitung aufbereitet.
4. Fairere und stabilere Märkte
- Mehr Käufer, die sich langfristig zu Fairem Handel und Nachhaltigkeit verpflichten und sich nicht ausschließlich am aktuellen Weltmarktpreis orientieren.
- Eine echte wirtschaftliche Anerkennung der Umweltleistungen, die wir erbringen – etwa den Erhalt von Wäldern, die Bindung von Kohlenstoff und den Schutz von Wasserquellen.
5. Forschung vor Ort
- Mehr Forschung zu klimawiderstandsfähigen Spezialitätenkaffeesorten, die speziell für die Region Marcala geeignet sind."
Deine ABSCHLIESSENDE BOTSCHAFT:
"Der Kaffee aus Marcala ist nicht einfach nur ein Produkt: Er ist das Ergebnis der Arbeit von Generationen von Familien, die dieses Land bewahren. Der Klimawandel stellt uns auf die Probe. Doch mit ökologischen Anbaumethoden, einer starken genossenschaftlichen Organisation und der Unterstützung des Fairen Handels bauen wir ein widerstandsfähiges Modell auf.
Wir bitten nicht um Almosen. Wir bitten um faire Partnerschaften, die den Wert unserer Arbeit anerkennen und es uns ermöglichen, weiterhin den Spezialitätenkaffee zu produzieren, den die Welt sucht – und dabei gleichzeitig unseren Planeten zu schützen."
COMBRIFOL ist eine Kooperative aus den Bergen von Marcala in Honduras, in der hochwertiger Bio-Kaffee, Gemeinschaft und Zukunftsperspektiven zusammenkommen. Die Genossenschaft wird von indigenen Lenca-Familien getragen, die gemeinsam daran arbeiten, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und unabhängiger zu werden. Neben dem Anbau und Export von zertifiziertem Bio-Kaffee setzt COMBRIFOL auf demokratische Mitbestimmung, solidarische Strukturen und agrarökologische Anbaumethoden. Dazu gehören zum Beispiel organische Dünger, Mischkulturen und biologische Schädlingsbekämpfung. So verbindet die Kooperative Umweltverantwortung mit hoher Kaffeequalität.