23.02.2015

Der Bio-Anbau im Fairen Handel

FFH-Hintergrundinformation zum ARD Radio-Feature „Fair-Giftet“

Teeernte in Sri Lanka © GEPA - The Fair Trade Company

Am 17.02. wurde ein ARD Radio-Feature mit dem Titel „Fair-Giftet“ auf SWR2 ausgestrahlt, das sich kritisch mit einigen Aspekten des Fairtrade-Systems auseinandersetzt. Der Journalist Philipp Jusim kritisiert die vorgefundenen Zustände auf der Fairtrade-zertifizierten Teeplantage „Phulbari“ im Teeanbaugebiet Assam in Indien: den Einsatz von gefährlichen Pestiziden sowie unsachgemäße Handhabung von Pestiziden, mangelhafte Arbeitsbedingungen und Prämienmissbrauch. Des Weiteren bemängelt der Autor die für die Verbraucher/innen immer unübersichtlicher werdende Fülle an Siegeln und Zeichen im Bereich „Nachhaltigkeit“. Der Beitrag zeigt auch die Unterschiede in den Strategien und Ansätzen von Fair-Handels-Organisationen wie der GEPA, EL PUENTE, dwp, GLOBO Fair Trade Partner und BanaFair, die ausschließlich im Fairen Handel tätig sind, und dem Fairtrade-System.

Mensch und Umwelt gehören im Fairen Handel zusammen

Obwohl der Fokus des Fairen Handels und der Arbeit unserer Mitgliedsorganisationen primär auf den sozialen und menschenrechtsbezogenen Aspekten liegt, gehört der Schutz der Umwelt untrennbar zu einer fairen Wirtschaftsweise dazu. Denn fair zu handeln bedeutet auch, nachhaltig handeln – für Mensch und Natur. Dieser Gedanke findet sich bereits in den Grundsatzpapieren des Fairen Handels wieder (WFTO: 10 Principles of Fair Trade  und FLO & WFTO: Eine Grundsatz-Charta für den Fairen Handel).

So arbeiten Produzent/innen und Importorganisationen im Fairen Handel kontinuierlich daran, die möglichen negativen Auswirkungen von Produktion und Handel auf die Umwelt und den Menschen zu vermeiden bzw. zu minimieren. Das versuchen sie zu erreichen, indem sie Rohstoffe aus nachhaltigen Quellen effizient nutzen, den Einsatz von Energie aus nicht erneuerbaren Quellen reduzieren und die Abfallentsorgung verbessern, organische Pflanzenschutzmittel einsetzen oder, wenn unvermeidbar, Pestizide in sehr geringen Mengen zu verwenden. Dies betrifft nur konventionell angebaute Lebensmittel. Beim zertifizierten ökologischen Anbau ist der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmittel nicht gestattet.

Der Großteil fairer Produkte ist bio-zertifiziert

Der Anteil an biologisch hergestellten Lebensmitteln im Fairen Handel nimmt weiter zu. 2013 waren knapp 70 Prozent der in Deutschland verkauften fairen Lebensmittel auch bio-zertifiziert – Tendenz steigend. Bei den Fair-Handels-Organisationen – Importeuren, die ausschließlich im Fairen Handel tätig sind – lag im Jahr 2013 der Anteil bio-zertifizierter Lebensmittel sogar bei mehr als 80 Prozent.

In Deutschland wurden im Jahr 2013 insgesamt 388 Tonnen fair gehandelten Tee verkauft (11 Prozent mehr als im Vorjahr). Gut 50 Prozent davon wurden durch die Fair-Handels-Organisationen GEPA, EL PUENTE sowie dwp, die Mitglied im Forum Fairer Handel sind, importiert. Über 95 Prozent des fair gehandelten Tees unserer Mitgliedsorganisationen ist nach Bio-Richtlinien hergestellt. Dabei handelt es sich sowohl um das EU-Bio-Siegel als auch um Zertifizierungen für den ökologischen Landbau wie Naturland, dessen Kriterien weit über die Bestimmungen der EU-Bioverordnung hinausgehen.

Eine umweltschonende und abfallarme Produktionsweise steht im Fairen Handel ebenso im Fokus wie eine faire Entlohnung, menschenwürdige Arbeitsbedingungen sowie Gesundheits- und Arbeitsschutz. Die Umstellung auf biologische Landwirtschaft (allmählich und den lokalen Bedingungen angepasst) wird im Fairen Handel grundsätzlich gefördert, nicht zuletzt durch den Fair-Handels-Zuschlag.

Förderung der Bio-Umstellung als Entwicklungsziel bei unseren Mitgliedsorganisationen

Unsere Mitgliedsorganisationen arbeiten überwiegend mit kleinbäuerlichen Organisationen zusammen, die eigenständig über die Verwendung der Mehrpreise entscheiden und unterhalten direkte, langfristige, partnerschaftliche Handelsbeziehungen. Der Bio-Anbau spielt in der Entwicklung ihrer Handelspartnerschaften eine bedeutende Rolle. Jedoch bringen nicht alle Kleinbauerngenossenschaften, mit denen sie handeln, von vornherein die Voraussetzungen für Bio-Anbau mit. Denn die Umstellung auf Bio-Anbau ist kosten- und zeitintensiv, erfordert Know-how und bringt in der Umstellungsphase Ernterückgänge mit sich. Ohne faire Preise ist solch eine Umstellung oft nicht zu schaffen. Biologischer Anbau als Zugangsbedingung für den Fairen Handel kann für einzelne kleinbäuerliche Organisationen eine zu hohe Hürde sein. In diesen Fällen gehen die Fair-Handels-Organisationen gemeinsam mit den Produzent/innen den Weg in Richtung Bio-Zertifizierung und geben mit gezielten Maßnahmen aktive Unterstützung.

Im Mittelpunkt: Gesundheits- und Verbraucherschutz

Unsere Mitgliedsorganisationen geben auch konkrete Empfehlungen für umweltverträgliche Maßnahmen sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz beim konventionellen Anbau. Denn uns und ihnen sind die Gesundheit und das Wohlbefinden der Produzent/innen und Arbeiter/innen genauso wichtig und selbstverständlich wie der Schutz der Verbraucher/innen. Eine leichtfertige und unverantwortliche Ausbringung von verbotenen, gesundheitsschädlichen und toxischen Pestiziden lehnen wir ab. Unsere Mitgliedsorganisationen überprüfen alle Lebensmittel beim Wareneingang und stellen durch ein strenges Qualitätsmanagement sicher, dass die gesetzlichen Grenzwerte für Belastungen nicht überschritten werden.

Unsere Mitglieder betreiben Fairen Handel aus Überzeugung. Die Fairness zu Mensch und Natur ist fester Bestandteil ihrer Handelspraxis und ihre Arbeitsphilosophie. Sie stehen in einem direkten und intensiven Kontakt mit ihren Handelspartnern. Für jeden einzelnen Bedarfs- oder Problemfall suchen sie nach einer individuellen Lösung, unter der Berücksichtigung der Bedürfnisse der Handelspartner und der Gegebenheiten vor Ort.

Woran Sie fair gehandelte Produkte erkennen

Die Zahl der Siegel und Zeichen im Bereich „Nachhaltigkeit“ steigt stetig. In den letzten Jahren sind immer mehr Zertifizierungs-Systeme entstanden, die unter dem Titel „Nachhaltigkeit“ um die Gunst der Konsument/innen werben. Allerdings berücksichtigen nur wenige die Grundsätze des Fairen Handels.

Was den Fairen Handel von vielen anderen Ansätzen unterscheidet, sind die weitreichenden Kriterien, wie die Zahlung eines garantierten Mindestpreises, die Möglichkeit der Vorfinanzierung der Produktion sowie die langfristigen Handelsbeziehungen. Außerdem zeichnet sich der Faire Handel durch seinen entwicklungsorientierten Ansatz aus. Er setzt auf das Empowerment der Produzent/innen, unterstützt deren Selbstorganisation und den Aufbau von Weiterverarbeitungsmöglichkeiten vor Ort. Mehr über die Wirkung des Fairen Handels erfahren Sie in unserer Broschüre „100% fair“ (ab Seite 14).

Fair gehandelte Produkte finden Sie im Weltladen. Im Lebensmittel-, Bio- und Naturkosthandel sowie in Firmenkantinen und Restaurants erkennen Sie fair gehandelte Produkte an den Logos von Fair Handels-Organisationen wie BanaFair, dwp, EL PUENTE, GEPA und GLOBO Fair Trade Partner. Außerdem stehen vier vom Forum Fairer Handel anerkannte Siegel für den Fairen Handel: Fairtrade, Naturland Fair, IMO Fair for Life und ECOCERT. Zur Kennzeichnung fair gehandelter Lebensmittel und Kunsthandwerk hat die World Fair Trade Organization das WFTO-Label eingeführt. Das Zeichen dürfen Unternehmen für sich und ihre Produkte nutzen, wenn sie in ihrer gesamten Unternehmenstätigkeit die Kriterien der WFTO einhalten. Mehr darüber woran Sie fair gehandelte Produkte erkennen können, erfahren Sie hier.

Weiterführende Informationen:

Lesen Sie hier die Stellungnahme von Fairtrade Deutschland.
Lesen sie hier die ausführliche Hintergrundinfo der GEPA.
Das Feature als Audiodatei und das Manuskript der Sendung stehen hier zum Download zur Verfügung.